Glamouröse Location, perfektes Licht, tolles Model — und ein Nacken, der sich anfühlt wie nach einer Nacht auf Betonkissen. Die Realität hinter den Bildern ist manchmal ein einziger Krampf. Wörtlich.
Weiterlesen ›
Seit das Vectorscope in Photoshop angekommen ist, drehe ich es hin und her und stelle mir eine unbequeme Frage: Wann brauche ich das eigentlich? Hand aufs Herz, mein Auge sagt mir ziemlich zuverlässig, ob ein Hautton schön wirkt. Subjektiv, natürlich. Aber Schönheit ist nun mal keine Koordinate.
Ich sitze über meiner Versandliste vom letzten Jahr und stelle fest, dass ich offiziell zum Sicherheitsrisiko für den europäischen Verpackungsmarkt geworden bin. Dreiundzwanzig Bestellungen, verteilt auf neun Länder. Sechs nach Belgien, fünf in die Niederlande, der Rest verstreut wie Krümel auf der Landkarte. Für jedes dieser Länder soll ich künftig einen notariell bestellten Bevollmächtigten haben, bevor ich auch nur ein einziges Paket verschicken darf.
Man ist verliebt in seine eigenen Bilder. Das ist normal, vielleicht sogar notwendig. Man kennt ja den Schaffensprozess, weiß genau, warum ein Foto so geworden ist wie es ist. Da war dieses harte Gegenlicht und nirgendwo Schatten. Oder es war kalt, wirklich kalt, und man war froh, überhaupt irgendetwas Brauchbares mit nach Hause zu nehmen. Das Bild erinnert an den Triumph über widrige Umstände. Dass es objektiv betrachtet vielleicht gar nicht so triumphierend aussieht, fällt einem selbst nicht auf.
Es begann mit einem einzigen Wort. »Me«. Dann das nächste, und noch eins, bis mein Postfach aussah, als hätte sich eine ganze Schulklasse gemeldet, ohne die Frage abzuwarten. Ich hatte einen Modelcall für ein Shooting auf Fuerteventura abgesetzt, und zurück kam ein Trommelfeuer aus zwei Buchstaben.
Letzte Woche stellte mich jemand auf einem Event als "Content Creator" vor. Ich musste kurz überlegen, ob ich beleidigt sein sollte.
Auf einer langen Autofahrt durch Österreich, vor vielen Jahren, lief im Radio ein Interview mit einer Mentaltrainerin. Ich war damals außerordentlich empfänglich für das, was sie erzählte. Es hat mich regelrecht gepackt und sofort überzeugt. Seitdem pflege ich ein Erfolgstagebuch.
Neulich landete eine bemerkenswerte Nachricht in meinem Postfach. Ein Portal namens Projectcasting.com teilte mir mit, mein Campaign Listing sei weiterhin online und warte auf meine Freigabe der Bewerber. Man habe schon mehrfach nachgefragt, wolle aber nicht lästig werden.
Campaign Listing
Fünf Pakete unterm Arm, alle im exakt gleichen Format, und die Dame an der Supermarktkasse greift trotzdem zum Zollstock. Jedes wird einzeln nachgemessen, als verberge sich im fünften womöglich ein Schmuggelgut, das die anderen vier nicht enthielten. Bei eintausendneunhundertsiebzig Gramm entfährt ihr dann der obligatorische Satz, "das passt ja gerade so", als hätte ich versucht, einen Wäschetrockner als Päckchen zu deklarieren.
Es ist kurz nach zwei Uhr nachts, das Thermometer zeigt neunundzwanzig Grad, und ich liege wach, weil ich keine Klimaanlage habe. Tropische Nächte, das klingt nach Cocktails und Mottoparty auf einem Kreuzfahrtschiff, ist in Frankfurt aber vor allem eines: eine Einladung zum Grübeln. Also plane ich, wenn ich schon nicht schlafen kann, lieber gleich den November.
Ich sitze auf dem Sofa und versuche, nicht an das nächste Shooting zu denken. Es ist ein wichtiges Projekt, also kreisen meine Gedanken natürlich genau darum. Um mich abzulenken, fange ich an zu rechnen. Ich wurde dieses Jahr 50. Jahreszahlen schwirren mir durch den Kopf. Wann genau habe ich mein Studium abgeschlossen? Ab wann habe ich seriös mit Aktfotografie angefangen? Und was heißt seriös überhaupt? Naja, so, dass ich die Bilder heute noch zeigen würde. Nicht irgendwelche flüchtigen Bekanntschaften oder Affären fotografiert, sondern ein echtes Modell, mit echtem Anspruch.
Stellen Sie sich vor, Sie sind Künstler und Ihre Werke sollen plötzlich verschwinden. Nicht weil sie schlecht sind, sondern weil das Modell es sich anders überlegt hat. Ein unschönes Thema, über das keiner spricht.
Ich bin über ein Interview mit Benny Urquidez gestolpert. Der Mann hat das Kickboxen erfunden — was mich völlig überrascht hat, weil ich dachte, den Sport gab es schon immer. Aber darum geht es nicht. Es geht um etwas, was er über Energie gesagt hat, und das hat mich nicht mehr losgelassen.
Vor ein paar Tagen stolpere ich über die Auktion eines meiner Sublime-Bücher, vergriffen seit zweitausendeinundzwanzig. Erst mal ein gutes Zeichen, das Buch ist offenbar gefragt genug, um Jahre später wieder aufzutauchen. Nur steht unter den Fotos ein fremder Name. Simon Boltz. So heiße offenbar ich, sobald meine Bücher bei Catawiki landen.
Was für ein Ritt. Mein Bildband Mellow ist ausverkauft, jedes Exemplar eingetütet, frankiert und auf den Weg gebracht. In alle Welt. Das ist nicht nur eine Floskel, es sind tatsächlich 26 verschiedene Länder geworden. Eine Zahl für die Statistik, klar, aber ich bin schlicht dankbar, dass sich auf dem ganzen Globus Menschen für meine Bilder interessieren. Sammler, Liebhaber, Kenner, so möchte ich sie nennen.
Vor ein paar Jahren schrieb ich hier über KI-Bildgeneratoren. Damals waren das noch lächerliche Spielereien. Gehypt bis unter die Decke, aber wenn man genauer hinschaute: nichts dahinter. Sechs Finger, schmelzende Ohren, Schrift, die aus zufälligen Zeichen bestand. Man musste sich keine Sorgen machen.
Es gibt Momente, in denen das Leben einen mit einer Pointe versorgt, für die man sich als Autor eigentlich schämen müsste, weil sie zu gut ist.
Diese Woche sah ich den britischen Premierminister im Fernsehen, wie er ein Social-Media-Verbot für alle unter sechzehn ankündigte. Und ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass das gar nicht so verkehrt klingt. Soziale Medien gehören aus meiner Sicht ohnehin auf den Prüfstand, und ein Regierungschef, der das offen ausspricht, hat bei mir erstmal einen Stein im Brett. Dann las ich nach, wie die Briten ihre digitale Welt insgesamt neu ordnen, und der Stein bekam Risse.
Fast hätte ich es übersehen, denn die Zeit verging so schnell, was übrigens eine dieser Standardfloskeln ist, die jeder Mensch ab 40 verwendet, als hätte er gerade das Geheimnis des Universums entdeckt. Aber es stimmt: Diesen Blog gibt es jetzt seit 10 Jahren. Das sind über 500 Artikel, alle aus meiner Feder. Eigentlich müsste ich ja "aus meiner Tastatur" schreiben, aber das klingt weniger poetisch.
Da bin ich also fünfzig geworden. Fünfzig, endlich mal eine vernünftige Zahl. Nichts von diesem Kindergeburtstag wie mit dreißig oder vierzig. Etwas Handfestes. Ein halbes Jahrhundert, ausgeschrieben klingt das beinahe nach einer geologischen Maßeinheit.
Fünf Uhr fünfzehn. Der Wecker meldet sich in einem schicken AirBnB in Alicante, und für einen kurzen, unwürdigen Moment frage ich mich, wofür ich das eigentlich mache. Dann fällt es mir wieder ein: Touristen. Genauer gesagt, deren Abwesenheit.
Als ich vor dreizehn Jahren das erste Mal für ein Shooting nach Ibiza flog, hatte ich null Ahnung von der Insel. Klar, Party-Hotspot, Hippies, teures Pflaster. Die üblichen Klischees halt. Für die Location-Suche hatte ich deshalb eine professionelle Scoutin gebucht, ein Tipp von einem holländischen Kollegen. "Was stellst Du Dir denn vor?", fragte sie in der Vorbereitung. Ich hatte da so eine fixe Idee mit einem großen Baum…
Da steht sie also. Das nächste fremde Gesicht. Sie streckt mir die Hand entgegen, während ihr Blick den Raum scannt. In genau 180 Minuten, dem Ticken meiner mentalen Stoppuhr nach zu urteilen, soll zwischen uns etwas entstehen, das man nicht kaufen kann: eine kreative Verbindung, die außergewöhnliche Bilder hervorbringt.
Es gibt diese Momente beim Fotografieren, die mich immer wieder begeistern: Wunderschöne Natur trifft auf weibliche Schönheit, und plötzlich entsteht eine zauberhafte Verbindung. Vor allem bei meinen Shootings auf Ibiza liebe ich es, wenn die mediterranen Wildpflanzen für zusätzliche Textur im Bild sorgen. Es gibt dort so tolle, wilde Blumenwiesen! Doch manchmal verstecken sich hinter romantischen Namen wie "Wilde Möhre" auch unerwartete Eigenschaften.
RSS Feed abonnieren