Mein Freund, der Baum

Mein Freund, der Baum

Als ich vor dreizehn Jahren das erste Mal für ein Shooting nach Ibiza flog, hatte ich null Ahnung von der Insel. Klar, Party-Hotspot, Hippies, teures Pflaster. Die üblichen Klischees halt. Für die Location-Suche hatte ich deshalb eine professionelle Scoutin gebucht, ein Tipp von einem holländischen Kollegen. "Was stellst Du Dir denn vor?", fragte sie in der Vorbereitung. Ich hatte da so eine fixe Idee mit einem großen Baum…

Lesezeit: 3 Min.

Was sie mir dann zeigte, verschlug mir die Sprache. Diese Pinie — meine Güte! Über vier Meter Stammumfang, das ist schon eine Ansage. Mit Raphaella habe ich damals dort fotografiert, aber die wahre Größe des Baums? Die kam auf meinen Bildern überhaupt nicht rüber. Ich hätte locker vierzig Meter zurückgehen müssen für die Totale. Dann wäre Raphaella allerdings nur noch ein Pixel gewesen, und das war jetzt nicht gerade der Plan.

Was mich richtig angepisst hat: Die ganzen eingeritzten Namen in der Rinde. Kennen Sie diese Typen, die früher in der Schule ihre Kaugummis unter die Tische gepappt haben? Solche Vollpfosten regen mich auf. Manche Dinge ändern sich einfach nie.

Raphaella
Playmate Charlotte © Playboy

Ein paar Jahre später… 2016, wieder Ibiza. Ich hole meinen Assistenten vom Flughafen ab, wir cruisen ein bisschen über die Insel. Und zack, stehen wir wieder vor diesem Baum. Was für ein Zufall! Also habe ich auch Playmate Charlotte dort abgelichtet.

Der Baum und ich, wir wurden langsam Kumpels.

Dann kam 2022, die Arbeit für mein Buch Mellow. Es schüttete wie aus Kübeln, vierzehn Grad, eine mittlere Katastrophe für Aktfotografie. Aber ich dachte mir: Vielleicht schützt uns der Baum vor der Nässe. Also bin ich mit Tezz zu meinem Baum gefahren. Und siehe da — auf diesen Fotos sieht man endlich mal, was für ein Gigant das wirklich ist. Es wurde ein fantastisches Kalendermotiv, trotz des Wetters.

Tezz

Letztes Jahr dann: Mein Model sagt kurzfristig ab und ich hänge auf Ibiza rum. Was macht man? Richtig, man besucht alte Freunde. Also wieder zum Baum.

Aber irgendwas stimmte nicht. Er wirkte... müder?

Zu Hause habe ich dann mal recherchiert. Was ich da ausgegraben habe, ist wirklich erstaunlich:

Es handelt sich um die größte Pinie Ibizas. Über fünfundzwanzig Meter Kronendurchmesser, mehr als zwanzig Meter hoch. Früher haben sie unter diesem Baum Volkstänze aufgeführt, steht da. Wann dieses "früher" war? Keine Ahnung. Aber der Baum selbst ist siebenhundert Jahre alt. Siebenhundert!

Lassen Sie das mal sacken. Als dieser Baum zu keimen begann, bauten die Menschen noch Burgen. Pest und Cholera waren noch nicht einmal richtig in Mode. Columbus hatte Amerika noch nicht mal im Traum gesehen. Und diese Pinie? Stand schon da und wuchs gemütlich vor sich hin.

2023 hatte ein fieser Sturm der alten Dame ordentlich zugesetzt. Und dann diese Tauben! Die haben den halben Baum vollgeschissen. Ob man sich nach siebenhundert Jahren an sowas gewöhnt? Ich bezweifle es.

Nach dem Sturm

Ich bin wirklich kein Eso-Typ, aber dieser Baum hat was. Vielleicht ist es die schiere Zeitspanne, die er verkörpert. Oder die Tatsache, dass er zu einer Art Konstante in meinem Ibiza-Leben geworden ist. Jedes Mal, wenn ich auf der Insel bin, schaue ich vorbei. Wie bei einem alten Kumpel eben.

Manchmal denke ich daran, wie viele Fotografen schon unter diesen Ästen gestanden haben. Hochzeitspaare, Familien mit kreischenden Kindern, besoffene Touristen mit Selfie-Stick und eben ich mit meinen nackten Models. Der Baum hat alles gesehen. Er ist der ultimative Zeitzeuge. Hat miterlebt, wie aus der verschlafenen Hippie-Insel ein Jet-Set-Paradies wurde. Wie aus Feldwegen Straßen und aus windschiefen Fincas Millionen-Villen wurden.

Hoffentlich steht er noch ein paar Jahrhunderte. Wenn Sie mal auf Ibiza sind und eine halbe Stunde übrig haben — fahren Sie hin. Der Pi ver de Can Besuró steht in Sant Miquel de Balansat und ist seit 2003 offiziell als Naturerbe geschützt.

Und wer weiß, vielleicht treffen wir uns ja mal dort. Ich bin der Typ mit der Kamera, der respektvoll Abstand hält und definitiv keinen Namen in die Rinde ritzt.

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