Ich sitze in einem Hotel, in dem schon Billy Idol geschlafen hat. Mick Jagger. Arnold Schwarzenegger. Ein Haus mit Geschichte, mit Haltung, mit dem angenehmen Geruch von gelebter Freiheit in den Fluren. Freundlich bis in die letzte Ecke. Ich öffne den Laptop, rufe meine eigene Website auf, simonbolz.com, meine Visitenkarte als Fotograf, und werde geblockt.
Kategorie: Pornography.
Ich bin Playboy-Fotograf, seit 2012. Ich fotografiere Frauen, keine Handlungen. Und das ist hier ausnahmsweise kein Gefühl, sondern überprüfbar. Der Filter stammt von einer Firma namens Fortinet aus dem Silicon Valley, und Fortinet führt eine öffentliche Liste seiner Kategorien. Es gibt "Nudity and Risque", ausdrücklich definiert als nackte Haut ohne die Absicht zu erregen. Es gibt "Pornography", definiert als sexuelle Handlungen mit der Absicht zu erregen. Und es gibt, ein paar Zeilen weiter, "Arts and Culture": bildende Kunst, Gemälde, Museen. Drei Türen. Ich stehe hinter der einen, deren Definition auf meine Arbeit nachweislich nicht zutrifft.
So weit die Sorte Fehler, die man einer Maschine verzeiht. Maschinen sehen viel Haut und greifen das oberste Etikett. Geschenkt. Interessant wird es erst, wenn man widerspricht.
Also habe ich widersprochen. FortiGuard hat ein Formular für genau solche Fälle. Ich habe es ausgefüllt, sachlich, freundlich, in ganzen Sätzen: Ich bin Playboy-Fotograf, ich produziere keine Pornografie, auf meiner Seite findet sich nichts Jugendgefährdendes, die Kategorie ist falsch, bitte ändern Sie das. Danke.
Keine sechs Stunden später kam die Antwort. Aktualisierte Kategorie: Pornography. Aktualisierungsdatum: heute. Man hat hingeschaut. Und alles so gelassen, wie es war.
Das ist der Moment, in dem die Geschichte kippt. Ein totes Formular hätte ich verziehen, ein Antrag, der ins Leere fällt, ist Behördenalltag. Aber das hier war kein Schweigen. Jemand, oder etwas, hat meinen ausdrücklichen Einspruch in unter sechs Stunden bearbeitet und das Urteil bestätigt. Entweder hat ein Mensch "ich produziere keine Pornografie" gelesen und mit den Schultern gezuckt, oder eine Maschine hat "geprüft", ohne dass je ein Mensch auch nur ein Wort davon gesehen hat. Ich weiß ehrlich nicht, welche Variante mir weniger gefällt.
Denn die anderen Türen standen offen. "Nudity and Risque" wäre korrekt gewesen, "Arts and Culture" großzügig, aber vertretbar. Beide Kategorien existieren, beide standen zur Auswahl. Gewählt wurde, erneut, die härteste. Wenn schon falsch, dann mit Nachdruck.
Ich kann ohne ein bestimmtes Hotel-WLAN leben. Womit ich mich schwerer tue, ist die Selbstsicherheit. Da sortiert ein System hunderte Millionen Adressen, und in meinem Fall hat es eine feste Meinung über den Unterschied zwischen Kunst und Pornografie.
Billy Idol hätte vermutlich den Router aus dem Fenster geworfen. Keine nachhaltige Lösung, aber eine mit Haltung. Ich mache es unspektakulärer. Ich schalte das Handynetz ein, und plötzlich darf ich meine eigenen Bilder wieder sehen. Dasselbe Internet, dieselbe Seite, nur ohne den Filter dazwischen. So viel zur Frage, wovor er eigentlich schützt.
