Ein Diagramm kann mir nicht sagen, ob eine Aufnahme gut aussieht. Es kann mir sagen, wo die Farbwerte liegen: Farbton auf dem Kreis, Sättigung als Abstand zur Mitte. Und ob die Haut auf der berühmten »Skin Line« sitzt, dieser Diagonalen zwischen Rot und Gelb, auf der menschliche Haut unabhängig von der Pigmentierung landet. Eine hübsche biologische Wahrheit. Nur macht sie noch kein Bild.
Damit wäre der Fall eigentlich erledigt, Auge schlägt Diagramm, Feierabend. Wäre da nicht ein Haken. Mein Auge ist nämlich ein Schummler.
Es passt sich an, ununterbrochen. Spät am Abend, die Sonne von der Seite aufs Display, ein fremder Hotelmonitor mit Werkseinstellungen von 2015: Ausgerechnet dann, wenn ich mir am sichersten bin, liege ich am weitesten daneben. Das Auge gewöhnt sich an jeden Mist, das Vectorscope nicht. Es ist meine Zweitmeinung für Bedingungen, denen ich nicht trauen kann.
Dazu kommt der Drift. Nach zwei Stunden Edit sieht Bild fünfzig anders aus als Bild eins, weil meine Wahrnehmung leise mitwandert. Bei einem einzelnen Foto ist das egal. Bei einem Kalender oder einem Buch, wo die Aufnahmen nebeneinanderliegen, zählt Stimmigkeit über die ganze Serie mehr als das eine perfekte Bild. Der Bezug zur Skin Line gibt mir einen festen Anker, auch wenn der Kopf längst müde ist.
Dann die Farbstiche, an die ich mich gewöhnt habe. Mischlicht, ein grüner Reflex vom Blattwerk, warmer Spill von einer Wand. Das Auge rechnet so etwas mit der Zeit heraus, ich sehe es irgendwann schlicht nicht mehr. Der Punkt im Diagramm wandert trotzdem sichtbar von der Linie weg, ungerührt und unbestechlich.
Oft interessiert mich ohnehin weniger der Farbton als die Sättigung, also der Abstand zur Mitte. Gerade nach einem meiner LUTs sehe ich auf einen Blick, ob ich die Haut überkocht habe. Nicht die Frage »stimmt der Ton«, sondern »habe ich zu viel gewollt«.
Aufrufen lässt sich das Ganze schnell. Ich gehe über Filter in den Camera Raw Filter, mache oben rechts einen Rechtsklick auf das Histogramm und wähle »Show Vectorscope«. Weil mir das Diagramm sonst die Farben des gesamten Bildes zeigt, maskiere ich zuerst die Person und isoliere die Hauttöne, danach bleibt nur noch übrig, was mich interessiert. Jetzt drehe ich an den Slidern, den Farbton auf die Linie, Sättigung und Luminanz nach Gefühl.
Nach Gefühl, ja. Denn genau hier kommt mein Auge zurück ins Spiel, ganz bewusst. Das Vectorscope ist mein Startpunkt, nicht mein Ziel. Erst schiebe ich die Haut sauber auf die Linie, dann weiche ich gezielt ab, denn goldene Abendhaut soll eben nicht neutral aussehen. Der Unterschied ist nur, dass ich jetzt weiß, dass ich acht Grad zu warm bin, weil ich es so will und nicht, weil mich ein Hotelzimmer und ein langer Tag ausgetrickst haben.
Falls Sie keinen Photoshop zur Hand haben, können Sie unten ein Vektorskop mit einem eigenen Foto einmal testen.
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