Die stille Übernahme

Die stille Übernahme

Vor ein paar Jahren schrieb ich hier über KI-Bildgeneratoren. Damals waren das noch lächerliche Spielereien. Gehypt bis unter die Decke, aber wenn man genauer hinschaute: nichts dahinter. Sechs Finger, schmelzende Ohren, Schrift, die aus zufälligen Zeichen bestand. Man musste sich keine Sorgen machen.

Lesezeit: 2 Min.

Das hat sich grundlegend verändert.

Große Modeunternehmen und Versandhäuser verkünden inzwischen offen, dass sie auf KI-generierte Models setzen. Geringere Kosten, kein Vertragstheater, volle Flexibilität beim Aussehen, verfügbar rund um die Uhr. Die Bildgeneratoren schaffen es inzwischen, Charaktere konsistent aus verschiedenen Perspektiven darzustellen, und sie sind so gut geworden, dass das menschliche Auge nicht mehr zwischen einem echten Foto und einem KI-generierten Abbild unterscheiden kann. Nicht mal jemand wie ich, der täglich mit Bildbearbeitung zu tun hat und darauf trainiert ist, auf Details zu achten.

Aber irgendwas stört mich. Schon seit Wochen. Dieses schleichende Gefühl, dass da etwas faul ist.

Ich bin dem Gefühl auf die Spur gegangen…

Wenn ich auf einem Immobilienportal Wohnungen anschaue und diese mir neuerdings merkwürdig ansprechend erscheinen, dann liegt das daran, dass sie, oft ohne jede Kennzeichnung, KI-optimiert wurden. Stürzende Linien begradigen, das kannte man. Das waren Optimierungen, die rein der Ästhetik dienten. Jetzt sind es Beleuchtungssituationen, die in den entsprechenden Wohnungen nie und nimmer zu erreichen wären. Und das macht die Immobiliensuche anstrengend. Ich muss als Interessent nun auch noch darauf achten, was echt ist und was die KI, unglaublich gut, gefälscht haben könnte.

Ein Bekannter zeigte mir dieser Tage ein Foto, das er auf einer Datingplattform als Profilbild eingestellt hat. Es zeigt einen Mitfünfziger mit übertrieben trainiertem Oberkörper unter einem weißen Hemd, eine teure Uhr am Handgelenk, angelehnt an einen Sportwagen. Bei genauerem Hinsehen erkennt man: dieses Fahrzeug gibt es nicht. Die Uhr auch nicht. Der Oberkörper stimmt ebenfalls nicht ganz, und das Gesicht sieht ein paar Jahre jünger aus, als es sollte. Die Plattform hat das Profil übrigens per Video verifiziert und als echt befunden. Aber das nur nebenbei.

Es funktioniert jedenfalls prächtig. Golddiggers, so nennt man Frauen, die es aufs Geld des Partners abgesehen haben, melden sich reihenweise. So viele, dass es ihm inzwischen selbst unangenehm ist, dieses Fake-Bild eingestellt zu haben.

Generiert von Nano Banana (kostenlose einfache Version)
Generiert von Nano Banana (kostenlose einfache Version)

Und so geht es eben nicht mehr nur um die perfekt sitzenden Klamotten im Onlineshop, was schon nervig genug wäre. Immer mehr Bereiche des täglichen Lebens werden still und leise von KI-generierten Bildern durchdrungen. Wohnen. Dating. Wahrscheinlich noch einiges mehr, das ich noch gar nicht bemerkt habe.

Ich frage mich, ob wir uns damit nicht ein gewaltiges Eigentor schießen. Wenn wir uns gegenseitig flächendeckend mit Bildern konfrontieren, die so gut sind, dass niemand mehr den Unterschied erkennt, was passiert dann mit unserem Vertrauen in Bilder insgesamt?

Navigieren