Die EU und ich, ein Paket, neun Notare

Die EU und ich, ein Paket, neun Notare

Ich sitze über meiner Versandliste vom letzten Jahr und stelle fest, dass ich offiziell zum Sicherheitsrisiko für den europäischen Verpackungsmarkt geworden bin. Dreiundzwanzig Bestellungen, verteilt auf neun Länder. Sechs nach Belgien, fünf in die Niederlande, der Rest verstreut wie Krümel auf der Landkarte. Für jedes dieser Länder soll ich künftig einen notariell bestellten Bevollmächtigten haben, bevor ich auch nur ein einziges Paket verschicken darf.

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Die EU hat mit der PPWR eine neue Verpackungsverordnung beschlossen. Ich will vorwegschicken, dass am eigentlichen Ziel nichts auszusetzen ist. Recycling ist sinnvoll, ich bin mit Gelbem Sack und Altpapiertonne großgeworden und zahle in Deutschland längst brav meine Abgaben ans Duale System, samt der dazugehörigen Erklärung, die aussieht, als hätte sie jemand für eine Steuerprüfung mittlerer Schwere entworfen. Umständlich, aber machbar.

Was jetzt dazukommt, ist eine andere Kategorie von Umständlichkeit. Für jeden EU-Staat, in den ich verschicke, brauche ich einen eigenen bevollmächtigten Vertreter vor Ort, notariell bestellt, mit allem, was dazugehört. Neun Länder heißt neun Bevollmächtigte, neun notarielle Bestellungen, neun mal mehrere hundert Euro im Jahr, dazu die laufenden Abgaben an das jeweilige nationale Recyclingsystem und der administrative Unterbau drumherum. Für insgesamt dreiundzwanzig Pakete im ganzen Jahr rechne ich mir damit ein Minusgeschäft zusammen, das jeder Betriebswirt mit einem Kopfschütteln quittieren würde.

Das ist dieselbe EU, die einst amtlich festgelegt hat, wie krumm eine Banane sein darf, vielleicht erinnern Sie sich noch. Offenbar hat man in Brüssel ein besonderes Talent dafür, bei kleinen Dingen ganz genau hinzusehen und bei den großen Konsequenzen komplett wegzuschauen.

Selbst den EU-Politikern scheint inzwischen aufgefallen zu sein, was sie sich da eingebrockt haben. Kaum war das Gesetz am 12. August in Kraft, begann die Diskussion über Ausnahmen für Kleinversender wie mich. Das ist ehrenwert, nur ist bis heute nichts entschieden. Und solange das offen ist, gilt die Regel in ihrer vollen Härte, samt der drakonischen Strafen, die bei Verstößen drohen.

Also verschicke ich vorerst gar nichts mehr ins EU-Ausland, bis Klarheit herrscht.

Achtzehn Jahre lief das mit einem Klick und einem Aufkleber. Jetzt liegt der Versand still, während irgendwo ein Ausschuss weiter tagt und ich in Frankfurt auf Neuigkeiten warte.

Was mich an der Sache ärgert, ist die Weltfremdheit, mit der hier eine Regel für Massenimporteure auf jeden einzelnen Kleinunternehmer draufgeklatscht wurde, ohne dass jemand offenbar durchgerechnet hat, was das für jemanden wie mich bedeutet. Ein Containerschiff voller Plastikverpackungen und ein handsigniertes Fotobuch, das einmal im Quartal nach Estland geht, werden hier mit derselben Elle gemessen.

Bis eine Ausnahme für Kleinversender kommt, wenn sie denn kommt, biete ich vorerst keinen Versand mehr in EU-Länder außerhalb Deutschlands an. Weil es nicht mehr geht. Neun Notare für dreiundzwanzig Pakete, das ist selbst mir als Zahlenmuffel zu absurd. Ich sammle die Anfragen aus dem EU-Ausland trotzdem weiter, sortiert nach Ländern, fein säuberlich, damit an dem Tag, an dem Brüssel zur Vernunft kommt, kein einziges Paket auf mich wartet, das nicht sofort auf die Reise gehen kann.

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