Diese verdammte Wellenlänge
Manchmal ist sie einfach da. Manchmal bleibt sie trotz verkrampfter Bemühungen so unerreichbar wie der letzte Bus, den man gerade verpasst hat. Seit Jahren frage ich mich: Kann man dieses flüchtige Etwas tatsächlich herbeiführen, oder ist es purer Zufall, wenn zwei Menschen fotografisch harmonieren?
Während ich die Kamera einrichte, werfe ich einen schnellen Blick auf mein Gegenüber. Fast immer deutlich jünger, inzwischen meist um die 20 Jahre. Andere Generation, andere Welt. Wo ich mit Kassetten und Radio aufgewachsen bin, kennen sie nur Streams und TikTok.
Bedeutet dieser Altersunterschied automatisch eine schlechtere Verbindung? Ein bisschen schwieriger ist es schon. Es fehlen die gemeinsamen "Weißt du noch damals..."-Momente. So erzählte ich z.B. von einem Moby-Konzert, das ich einmal besucht hatte. Und mein Model wusste nicht, wer Moby ist.
Ein klassisches "Blinddate mit Kamera"
Wobei die heutige Realität die Sache nicht leichter macht. Die Models haben meistens keine Ahnung, wer ihnen da gegenübersteht. Portfolio angeschaut? Fehlanzeige. Ihre Aufmerksamkeit zersplittert durch den Social-Media-Dauerbeschuss. Gleichzeitig tickt die verdammte Uhr. Ihr Stundensatz verlangt Effizienz, nicht endlose Kaffeekränzchen zum Kennenlernen.
Zeit für langsamen Vertrauensaufbau? Ein schöner Traum. Die Realität sieht anders aus: Wir müssen sofort loslegen. In dieser Situation hilft nur knallharte Professionalität als Basis. Die Models müssen sofort spüren, dass ich nicht der nächste Typ bin, der sie anbaggern will. Keine versteckten Agenden, keine zweideutigen Kommentare. Diese Klarheit schafft Vertrauen.
Der Schlüssel: Kommunikation. Ich rede viel. Für manche vermutlich zu viel. Der konstante Redefluss nimmt den Druck raus, überbrückt peinliche Stille und lässt das Gegenüber entspannen. Humor ist dabei mein treuester Verbündeter. Ein gemeinsames Lachen baut mehr Brücken als jede technische Anweisung.
Aber ich weiß auch: Was bei einer funktioniert, kann die nächste komplett abturnen. Manch introvertiertes Model erstickt regelrecht unter meinem Redeschwall und braucht genau das Gegenteil: Stille, Raum zum Atmen, weniger verbale Dauerberieselung. Die Kunst liegt darin, in den ersten Minuten zu erkennen, welcher Typ mir gegenübersteht, und spontan den Kurs zu wechseln.
Nach etlichen Jahren und hunderten Shootings habe ich ein paar handfeste Strategien entwickelt, die meistens funktionieren:
- Die ersten fünf Minuten entscheiden alles. Ich verzichte auf Small-Talk über das Wetter und frage lieber direkt nach dem letzten Festivalbesuch, dem Verrücktesten, was sie je getan hat oder: "Was war dein letzter Moment absoluter Freiheit, bei dem du dich lebendig gefühlt hast?"
- Eine vorbereitete Playlist ist Gold wert. Aber Vorsicht — wer als 49-Jähriger mit "hippen Sounds" ankommt, erntet meist nur Augenrollen. Gleichzeitig bin ich aber auch in einem Alter, in dem ich keine Lust habe, irgendwelche (Entschuldigung!) modulierte Scheiße beim Shooting anzuhören. Deshalb ist meine Playlist ein Vorschlag, kein Muss.
- Aufwärmfotos machen, die keiner je sehen wird. Die ersten 20 Bilder wandern sowieso in den Müll. Warum also nicht gleich damit rechnen und diese Zeit zum Ankommen nutzen?
- Ich zeige früh Zwischenergebnisse. Sobald ich mich selbst sicher fühle. Das schafft Vertrauen und gibt dem Model die Chance, Bestätigung zu spüren. Nichts baut schneller eine Verbindung auf als das gemeinsame Betrachten eines gelungenen Bildes.