Auf der gleichen Wellenlänge?

Auf der gleichen Wellenlänge?

Da steht sie also. Das nächste fremde Gesicht. Sie streckt mir die Hand ent­gegen, während ihr Blick den Raum scannt. In genau 180 Minu­ten, dem Ticken meiner men­talen Stopp­uhr nach zu ur­teilen, soll zwi­schen uns etwas ent­stehen, das man nicht kaufen kann: eine krea­tive Ver­bindung, die außer­gewöhn­liche Bilder hervor­bringt.

Lesezeit: 5 Min.

Diese ver­dammte Wellen­länge

Manchmal ist sie einfach da. Manchmal bleibt sie trotz ver­krampf­ter Bemü­hungen so uner­reich­bar wie der letzte Bus, den man gerade ver­passt hat. Seit Jahren frage ich mich: Kann man dieses flüch­tige Etwas tat­säch­lich herbei­führen, oder ist es purer Zufall, wenn zwei Menschen foto­grafisch harmo­nieren?

Während ich die Kamera ein­richte, werfe ich einen schnel­len Blick auf mein Gegen­über. Fast immer deut­lich jünger, in­zwischen meist um die 20 Jahre. Andere Gene­ration, andere Welt. Wo ich mit Kas­setten und Radio aufge­wachsen bin, kennen sie nur Streams und TikTok.

Be­deutet dieser Alters­unter­schied auto­matisch eine schlech­tere Ver­bindung? Ein biss­chen schwie­riger ist es schon. Es fehlen die gemein­samen "Weißt du noch damals..."-Mo­mente. So er­zählte ich z.B. von einem Moby-Kon­zert, das ich einmal besucht hatte. Und mein Model wusste nicht, wer Moby ist.

Ein klas­sisches "Blind­date mit Kamera"

Wobei die heu­tige Reali­tät die Sache nicht leich­ter macht. Die Models haben meis­tens keine Ahnung, wer ihnen da gegen­über­steht. Port­folio ange­schaut? Fehl­anzeige. Ihre Auf­merk­samkeit zer­split­tert durch den Social-Media-Dauer­beschuss. Gleich­zeitig tickt die ver­dammte Uhr. Ihr Stun­densatz ver­langt Effi­zienz, nicht end­lose Kaffee­kränz­chen zum Kennen­lernen.

Zeit für lang­samen Ver­trauens­aufbau? Ein schöner Traum. Die Reali­tät sieht anders aus: Wir müssen sofort los­legen. In dieser Situa­tion hilft nur knall­harte Profes­siona­lität als Basis. Die Models müssen sofort spüren, dass ich nicht der nächste Typ bin, der sie anbag­gern will. Keine ver­steck­ten Agen­den, keine zwei­deuti­gen Kommen­tare. Diese Klar­heit schafft Ver­trauen.

Der Schlüssel: Kommu­nika­tion. Ich rede viel. Für manche ver­mutlich zu viel. Der kon­stante Rede­fluss nimmt den Druck raus, über­brückt pein­liche Stille und lässt das Gegen­über ent­spannen. Humor ist dabei mein treu­ester Ver­bünde­ter. Ein gemein­sames Lachen baut mehr Brücken als jede tech­nische An­weisung.

Aber ich weiß auch: Was bei einer funk­tioniert, kann die nächste kom­plett ab­turnen. Manch intro­vertier­tes Model er­stickt regel­recht unter meinem Rede­schwall und braucht genau das Gegen­teil: Stille, Raum zum Atmen, weni­ger ver­bale Dauer­berie­selung. Die Kunst liegt darin, in den ersten Minu­ten zu er­kennen, welcher Typ mir gegen­über­steht, und spon­tan den Kurs zu wech­seln.

Nach et­lichen Jahren und hun­derten Shoo­tings habe ich ein paar hand­feste Stra­tegien ent­wickelt, die meis­tens funk­tionie­ren:

  1. Die ersten fünf Minu­ten ent­scheiden alles. Ich ver­zichte auf Small-Talk über das Wetter und frage lieber direkt nach dem letzten Festi­val­besuch, dem Ver­rückt­esten, was sie je getan hat oder: "Was war dein letzter Moment abso­luter Frei­heit, bei dem du dich leben­dig gefühlt hast?"
  2. Eine vor­berei­tete Play­list ist Gold wert. Aber Vor­sicht — wer als 49-Jähri­ger mit "hippen Sounds" ankommt, erntet meist nur Augen­rollen. Gleich­zeitig bin ich aber auch in einem Alter, in dem ich keine Lust habe, irgend­welche (Ent­schul­digung!) modu­lierte Scheiße beim Shoo­ting anzu­hören. Des­halb ist meine Play­list ein Vor­schlag, kein Muss.
  3. Auf­wärm­fotos machen, die keiner je sehen wird. Die ersten 20 Bilder wan­dern so­wieso in den Müll. Warum also nicht gleich damit rech­nen und diese Zeit zum An­kommen nutzen?
  4. Ich zeige früh Zwi­schen­ergeb­nisse. Sobald ich mich selbst sicher fühle. Das schafft Ver­trauen und gibt dem Model die Chance, Be­stäti­gung zu spüren. Nichts baut schnel­ler eine Ver­bindung auf als das gemein­same Be­trach­ten eines ge­lunge­nen Bildes.

Die bit­tere Wahr­heit bleibt: Manch­mal klickt es ein­fach nicht. Mit manchen Menschen werde ich nie auf einer Wellen­länge funken. Und das ist okay. Es geht nicht darum, künst­lich Harmo­nie zu er­zeugen, son­dern die spezi­fische Dyna­mik zu er­kennen und zu nutzen.

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