Zwanzig Jahre

Zwanzig Jahre

Ich sitze auf dem Sofa und versuche, nicht an das nächste Shooting zu denken. Es ist ein wichtiges Projekt, also kreisen meine Gedanken natürlich genau darum. Um mich abzulenken, fange ich an zu rechnen. Ich wurde dieses Jahr 50. Jahreszahlen schwirren mir durch den Kopf. Wann genau habe ich mein Studium abgeschlossen? Ab wann habe ich seriös mit Aktfotografie angefangen? Und was heißt seriös überhaupt? Naja, so, dass ich die Bilder heute noch zeigen würde. Nicht irgendwelche flüchtigen Bekanntschaften oder Affären fotografiert, sondern ein echtes Modell, mit echtem Anspruch.

Lesezeit: 3 Min.

Und dann macht es wumms.

Ich habe ein Jubiläum. Die Lufthansa feiert gerade 100 Jahre Fluglinie. Ich feiere 20 Jahre Aktfotograf. Das Größenverhältnis ist mir bewusst, danke. Aber verrückt ist es trotzdem.

Dabei war der Anfang alles andere als glamourös. Ich hatte mir eine professionelle Blitzanlage von Profoto gekauft. Ein Vermögen. Dann suchte ich per Aushang an der Goethe-Uni in Frankfurt ein Modell. Es meldeten sich tatsächlich ein paar Studentinnen. Mit einer machte ich dann mein erstes Shooting.

Inspiriert war ich vom Film „Eyes Wide Shut“. Es gibt diese eine Szene im Pelzgeschäft, in der mit Verkleidung und Identität gespielt wird. Ein undurchsichtiger Moment, aber er hatte mein Kopfkino gestartet. Also machte ich einen Kostümverleih in Frankfurt ausfindig, der Theaterkostüme führte. Das Personal dort war so freundlich wie ein Finanzamt an einem Montagmorgen, und ich musste ewig warten. Trotzdem mietete ich am Ende einen Hasenkopf. Keinen Playboy-Hasen, wohlgemerkt. Einen richtigen Theater-Hasenkopf. So ein massives Ding, das aussah, als könnte man damit auf einem Mittelaltermarkt auftreten.

Die Bilder waren speziell. Nicht unbedingt schmeichelhaft, aber definitiv anders. Zeigen durfte ich sie nie. Gleich beim allerersten Shooting verbot mir das Modell die Veröffentlichung. Ich hatte natürlich keinen Vertrag, keine Ahnung, kein System. Eine steile Lernkurve lag vor mir, und sie begann mit einer Wand.

Marta, 2006
Marta, 2006

Aber dann kam Marta. Sie war professionell, groß, besonders. Sie konnte posieren, ich konnte mich endlich auf meine Kamera konzentrieren, statt alles gleichzeitig sein zu müssen. Am 14. Juli 2006, in einer Altbauvilla in Frankfurt, die ich für ein paar Stunden gemietet hatte, entstanden die Bilder, die meinen eigentlichen Start markieren. Das war der Moment, ab dem ich wusste: Das mache ich weiter. Nicht als Hobby, nicht als Phase.

Zwanzig Jahre. Man muss sich das einmal vorstellen. 2006, das Sommermärchen war gerade vorbei. Vielleicht erinnern Sie sich noch. Das iPhone war noch nicht erfunden. Digitalkameras hatten gerade erst aufgehört, wie Spielzeug auszusehen. Und ich stand mit einer Profoto-Anlage in einer Frankfurter Altbauwohnung und fotografierte Akte, als hätte ich eine Mission.

Es hat dann übrigens noch fast sechs Jahre gedauert, bis ich meinen Stil gefunden hatte und meine erste Playboy-Produktion machen durfte. Sechs Jahre, in denen ich viel falsch gemacht habe, einiges gelernt und manches einfach durchgestanden habe. Wer glaubt, so ein Weg sei eine gerade Linie, hat noch nie versucht, ohne Assistenten, ohne Team und ohne Netz eine Karriere in der Aktfotografie aufzubauen.

Aber aktiv bin ich seit 2006. Ununterbrochen. Zwanzig Jahre, ein Hasenkopf und ziemlich viele Bilder später sitze ich wieder auf dem Sofa und rechne. Nur dass ich heute weiß, was ich tue. Meistens jedenfalls.

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