Wenn Kunstwerke verschwinden sollen

Wenn Kunstwerke verschwinden sollen

Stellen Sie sich vor, Sie sind Künstler und Ihre Werke sollen plötzlich verschwinden. Nicht weil sie schlecht sind, sondern weil das Modell es sich anders überlegt hat. Ein unschönes Thema, über das keiner spricht.

Lesezeit: 3 Min.

Lassen Sie mich Ihnen eine Geschichte erzählen, die ich in 20 Jahren Berufserfahrung etwa fünfmal erlebt habe. Da ist diese junge Frau, die für eine Veröffentlichung bezahlt werden möchte und mit leuchtenden Augen erzählt: "Es ist mein größter Traum seit ich ein Kind bin, eines Tages eine Playmate zu werden." Vier Jahre später kommt samstag­nachts die WhatsApp. Dieselbe Person, aber der Ton hat sich komplett verändert: "Ich verlange, dass alle Fotos sofort aus dem Netz entfernt werden."

Was ist passiert?

Meistens ist es der neue Freund. Er bringt andere kulturelle Vorstellungen mit, wie eine Frau zu sein hat. Oftmals handelt das Modell aber auch in voraus­eilendem Gehorsam. Alle Kunstfotos müssen weg, die Vergangen­heit darf nicht mehr existieren. Manchmal sind es aber auch die Reaktionen in ihrem Umfeld: Arbeits­kollegen tuscheln, der Chef macht komische Bemerkungen. Auf einmal wird aus dem stolzen Kunst­werk ein peinliches Geheimnis.

Nur: Bilder lassen sich nicht so einfach aus dem Netz löschen, wie man sich das vorstellt.

Während wir hier sprechen, werden meine Fotografien auf zwielichtigen Websites und in sozialen Medien geteilt. Ohne mein Zutun. Ohne mein Einverständnis. Die Server stehen in Ländern, in denen deutsche Anwälte ungefähr so viel bewirken wie Schneebälle in der Sahara. Und obwohl ich anwaltlich gut aufgestellt bin und versuche, gegen Verstöße vorzugehen, habe ich gegen diese extreme Form der Piraterie keine Chance.

Sie glauben, das ist nur mein Problem?

Weit gefehlt. Wenn sich Aktmodelle heute für Veröffentlichungen entscheiden, entscheiden sie sich auch für diese Realität. Ihre Bilder werden irgendwo auftauchen, auch wenn sie es nicht möchten. Das ist keine Drohung, das ist schlichtweg die traurige Realität im digitalen Zeitalter.

Aber da ist noch etwas anderes, worüber niemand spricht: Was passiert mit mir, dem Fotografen, wenn plötzlich alles gelöscht werden soll?

Ich investiere Monate in eine Produktion. Location-Suche, Genehmigungen, Styling, Reiseplanung, Terminkoordination. Dann das Shooting selbst, die Bildauswahl, Nachbearbeitung, die Arbeit mit Verlagen. Wenn Sie glauben, dass nach der Aufnahme Feierabend ist, haben Sie noch nie professionell fotografiert. Das eigentliche Shooting macht etwa 10% der Gesamtarbeit aus.

Kommt dann die WhatsApp "Alles muss weg", bedeutet das für mich: Alle Investitionen sind futsch. Niemand erstattet mir die Kosten. Stattdessen entsteht mir zusätzliche Arbeit. Das ist nicht einfach nur ein Knopfdruck, es sind mehrere Stunden erneuter Arbeit für die Löschung auf meiner eigenen Website und meinen sozialen Medienkanälen.

Die Gerichte machen es sich hier sehr leicht. "Persönlichkeitsrecht steht über Vertragsrecht", ist ein Leitsatz. Streng betrachtet bedeutet das: Model Release Verträge sind hinfällig. Trotzdem benötige ich diese Verträge, um überhaupt kommerziell arbeiten zu dürfen. Ein Paradox, das niemand auflöst.

Dabei verstehe ich die Beweggründe der Models manchmal sogar. Mobbing am Arbeitsplatz ist real und sollte strenger verfolgt werden. Wenn Chefs ihre Angestellten wegen Aktfotos schikanieren, gehören sie zur Rechenschaft gezogen. Mobbing in sozialen Medien kommt enorm oft vor und muss bestraft werden. Politik und Gerichte sind gefordert, dies nicht mehr wie Lapalien zu behandeln.

Aber die Naivität mancher Models erschreckt mich. Sie träumen von Glamour und Ruhm, ohne sich Gedanken über die Konsequenzen zu machen. Publikationen sind keine Entscheidung für nur ein paar Monate.

Deshalb mein Appell an alle Models, die eine Veröffentlichung anstreben: Überlegt euch vorher, ob ihr wirklich zu Aktfotografie steht. Nicht nur heute, sondern auch in fünf Jahren. Wenn ihr Zweifel habt, lasst es bleiben.

Bei privaten Auftragsarbeiten ist das natürlich anders — da gilt: privat bleibt privat und solche Bilder werden von mir niemals irgendwo veröffentlicht. Aber bei kommer­ziellen Produktionen mit Veröffent­lichungs­absicht spart euch und mir die Probleme, wenn ihr unsicher seid.

Denn eines ist sicher: In unserem digitalen Zeit­alter gibt es kein Zurück mehr. Was einmal im Netz steht, bleibt im Netz. Leider. Egal, was die Anwälte versprechen.

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