Ich sitze auf dem Sofa und versuche, nicht an das nächste Shooting zu denken. Es ist ein wichtiges Projekt, also kreisen meine Gedanken natürlich genau darum. Um mich abzulenken, fange ich an zu rechnen. Ich wurde dieses Jahr 50. Jahreszahlen schwirren mir durch den Kopf. Wann genau habe ich mein Studium abgeschlossen? Ab wann habe ich seriös mit Aktfotografie angefangen? Und was heißt seriös überhaupt? Naja, so, dass ich die Bilder heute noch zeigen würde. Nicht irgendwelche flüchtigen Bekanntschaften oder Affären fotografiert, sondern ein echtes Modell, mit echtem Anspruch.
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Stellen Sie sich vor, Sie sind Künstler und Ihre Werke sollen plötzlich verschwinden. Nicht weil sie schlecht sind, sondern weil das Modell es sich anders überlegt hat. Ein unschönes Thema, über das keiner spricht.
Ich bin über ein Interview mit Benny Urquidez gestolpert. Der Mann hat das Kickboxen erfunden — was mich völlig überrascht hat, weil ich dachte, den Sport gab es schon immer. Aber darum geht es nicht. Es geht um etwas, was er über Energie gesagt hat, und das hat mich nicht mehr losgelassen.
Vor ein paar Tagen stolpere ich über die Auktion eines meiner Sublime-Bücher, vergriffen seit zweitausendeinundzwanzig. Erst mal ein gutes Zeichen, das Buch ist offenbar gefragt genug, um Jahre später wieder aufzutauchen. Nur steht unter den Fotos ein fremder Name. Simon Boltz. So heiße offenbar ich, sobald meine Bücher bei Catawiki landen.
Was für ein Ritt. Mein Bildband Mellow ist ausverkauft, jedes Exemplar eingetütet, frankiert und auf den Weg gebracht. In alle Welt. Das ist nicht nur eine Floskel, es sind tatsächlich 26 verschiedene Länder geworden. Eine Zahl für die Statistik, klar, aber ich bin schlicht dankbar, dass sich auf dem ganzen Globus Menschen für meine Bilder interessieren. Sammler, Liebhaber, Kenner, so möchte ich sie nennen.
Vor ein paar Jahren schrieb ich hier über KI-Bildgeneratoren. Damals waren das noch lächerliche Spielereien. Gehypt bis unter die Decke, aber wenn man genauer hinschaute: nichts dahinter. Sechs Finger, schmelzende Ohren, Schrift, die aus zufälligen Zeichen bestand. Man musste sich keine Sorgen machen.
Es gibt Momente, in denen das Leben einen mit einer Pointe versorgt, für die man sich als Autor eigentlich schämen müsste, weil sie zu gut ist.
Diese Woche sah ich den britischen Premierminister im Fernsehen, wie er ein Social-Media-Verbot für alle unter sechzehn ankündigte. Und ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass das gar nicht so verkehrt klingt. Soziale Medien gehören aus meiner Sicht ohnehin auf den Prüfstand, und ein Regierungschef, der das offen ausspricht, hat bei mir erstmal einen Stein im Brett. Dann las ich nach, wie die Briten ihre digitale Welt insgesamt neu ordnen, und der Stein bekam Risse.
Fast hätte ich es übersehen, denn die Zeit verging so schnell, was übrigens eine dieser Standardfloskeln ist, die jeder Mensch ab 40 verwendet, als hätte er gerade das Geheimnis des Universums entdeckt. Aber es stimmt: Diesen Blog gibt es jetzt seit 10 Jahren. Das sind über 500 Artikel, alle aus meiner Feder. Eigentlich müsste ich ja "aus meiner Tastatur" schreiben, aber das klingt weniger poetisch.
Da bin ich also fünfzig geworden. Fünfzig, endlich mal eine vernünftige Zahl. Nichts von diesem Kindergeburtstag wie mit dreißig oder vierzig. Etwas Handfestes. Ein halbes Jahrhundert, ausgeschrieben klingt das beinahe nach einer geologischen Maßeinheit.
Fünf Uhr fünfzehn. Der Wecker meldet sich in einem schicken AirBnB in Alicante, und für einen kurzen, unwürdigen Moment frage ich mich, wofür ich das eigentlich mache. Dann fällt es mir wieder ein: Touristen. Genauer gesagt, deren Abwesenheit.
Als ich vor dreizehn Jahren das erste Mal für ein Shooting nach Ibiza flog, hatte ich null Ahnung von der Insel. Klar, Party-Hotspot, Hippies, teures Pflaster. Die üblichen Klischees halt. Für die Location-Suche hatte ich deshalb eine professionelle Scoutin gebucht, ein Tipp von einem holländischen Kollegen. "Was stellst Du Dir denn vor?", fragte sie in der Vorbereitung. Ich hatte da so eine fixe Idee mit einem großen Baum…
Da steht sie also. Das nächste fremde Gesicht. Sie streckt mir die Hand entgegen, während ihr Blick den Raum scannt. In genau 180 Minuten, dem Ticken meiner mentalen Stoppuhr nach zu urteilen, soll zwischen uns etwas entstehen, das man nicht kaufen kann: eine kreative Verbindung, die außergewöhnliche Bilder hervorbringt.
Es gibt diese Momente beim Fotografieren, die mich immer wieder begeistern: Wunderschöne Natur trifft auf weibliche Schönheit, und plötzlich entsteht eine zauberhafte Verbindung. Vor allem bei meinen Shootings auf Ibiza liebe ich es, wenn die mediterranen Wildpflanzen für zusätzliche Textur im Bild sorgen. Es gibt dort so tolle, wilde Blumenwiesen! Doch manchmal verstecken sich hinter romantischen Namen wie "Wilde Möhre" auch unerwartete Eigenschaften.
Die Geschichte klingt fast zu absurd, um wahr zu sein: Eine Dame der feinen viktorianischen Gesellschaft soll 1866 beim Anblick eines entblößten Knöchels in Ohnmacht gefallen sein. Nun ja, vermutlich eine dieser zeitgenössischen Übertreibungen, aber sie erzählt uns etwas Faszinierendes über die Macht kultureller Tabus.
Es ist Anfang Mai, und während andere Leute gerade erst anfangen, über ihren Sommerurlaub nachzudenken, bin ich mit meinem Kalender 2027 so gut wie durch. Die trüben Monate hatten ja auch irgendeinen Sinn gebraucht.
500 Likes für das neue Bild, siebzehn Herzchen-Emojis in den Kommentaren und dann — bäm! — dieser eine Kommentar: "Finde ich nicht so gelungen." Fünf Wörter, die die Party ruinieren. Kennen Sie das? Ich jedenfalls kenne es zur Genüge.
Manchmal zündet man ein kreatives Feuer an und verbrennt sich dabei die Finger. Oder in diesem Fall: die Wimpern.
Irgendwo auf meiner Festplatte schlummert ein Ordner mit dem Arbeitstitel "Girls-and-Cars". Der Name ist so offensichtlich provisorisch, dass ich ihn damals bewusst gewählt habe, um mich nicht zu früh festzulegen. Das war 2020. Ich recherchierte Fahrzeuge der Siebziger, diese kantigen Charakterköpfe mit Chromstoßstangen und Persönlichkeit. Dazu die Achtziger, deren Designer offenbar beschlossen hatten, dass Ecken unterschätzt seien. Ich suchte nach Locations, nach Besitzern, die ihre Schätze nicht nur in Garagen verstecken, sondern tatsächlich bewegen.
Es ist unglaublich. Ich wollte auf Instagram nach einem Model suchen, mit dem ich ein Shooting plane. Ihr Name — und jetzt kommt's — ist tatsächlich Lolita. Mit Reisepass und allem Drum und Dran. Was dann passierte, ist so absurd, dass ich es kaum glauben konnte: Instagram blockierte meine Suche noch vor dem Absenden.
Ein Aktfotograf, der seit der ersten Staffel GNTM schaut, kaum eine Episode verpasst hat und das Programm, wenn er ehrlich ist, sogar gerne sieht. Ich verstehe, wenn Sie jetzt kurz innehalten. Ich auch.
Manchmal vergesse ich, wie dumm Menschen sein können. Nicht im Sinne von intellektueller Unterlegenheit, sondern in der spektakulären Fähigkeit, die offensichtlichsten Zusammenhänge zu ignorieren.
Neulich beim Durchsehen meiner Behind-the-Scenes-Videos für Patreon fiel mir etwas auf, das mich seitdem beschäftigt. Ich habe mich zum ersten Mal wirklich selbst bei der Arbeit gesehen. Nicht nur das Ergebnis, sondern mich, wie ich fotografiere. Und ehrlich gesagt war ich ein bisschen erschrocken.
Flughafen Fuerteventua. Zwischen müden Touristen und Familien mit quengelnden Kindern steht sie — frisch aus Barcelona eingeflogen, das neue Gesicht für meine Inselserie. Groß, selbstbewusst, mit diesem Blick, der sofort Kamerabereitschaft signalisiert. Nach dem obligatorischen Smalltalk auf der Fahrt kommt der für sie vermutlich langweiligste, für mich aufschlussreichste Teil unserer Zusammenarbeit: der gemeinsame Einkauf.
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