Wenn Träume an der Tinte scheitern

Wenn Träume an der Tinte scheitern

Manchmal vergesse ich, wie dumm Menschen sein können. Nicht im Sinne von intellektueller Unterlegenheit, sondern in der spektakulären Fähigkeit, die offensichtlichsten Zusammenhänge zu ignorieren.

Lesezeit: 3 Min.

"Hier ist Vanessa, 28." So begann ein Anruf letzte Woche, mein Hirn signalisierte "Werbeanruf!" und mein Finger schwebte bereits über der roten Taste — der universellen "Bitte-verschone-mich-vor-deinem-Staubsauger"-Taste. Wer beginnt ein Gespräch mit seinem Alter? Was soll denn jetzt bitte kommen?

Aber ich blieb dran. Und es stellte sich heraus: Vanessa (Name selbstverständlich geändert) wollte wissen, was die Anforderungen sind, um in den Playboy zu kommen. Eine legitime Frage, die ich regelmäßig beantworte. Also erklärte ich freundlich die Basics, darunter auch, dass Tattoos eher hinderlich sind.

"Gar keine?" fragte sie mit hörbarer Besorgnis.

"Ein paar kleine sind in Ordnung, aber keine großflächigen", antwortete ich.

Es folgte ein "Hmm" am anderen Ende der Leitung, das im Nachhinein betrachtet ungefähr so vielsagend war wie das leise Knacken vor der Explosion. Dann kam ihre Mail mit den Bewerbungsfotos.

Haben Sie schon einmal versucht, höflich zu bleiben, während Ihr Gehirn verzweifelt nach einer diplomatischen Formulierung für "Was zum Teufel hast du nicht verstanden?" sucht? Auf den Bildern prangte ein überdimensionaler Porträtkopf auf ihrem Oberschenkel — nicht gerade das, was man unter "ein paar kleinen Tattoos" versteht. Dazu kamen weitflächige Kunstwerke auf dem anderen Bein und beiden Armen. Im Grunde war mehr Tinte als freie Haut zu sehen.

Ich musste ablehnen. Freundlich, professionell, mit Erklärung der redaktionellen Linie. Das ist keine Bewertung meinerseits, sondern ich muss mich einfach an die Vorgaben halten. Und die hatte ich ja bereits am Telefon erklärt.

Eine Woche später trudelte eine Mail ein, die ungefähr so freundlich war wie ein Stacheldrahtzaun in der Badehose. Sie wisse genau, dass es "auch im Deutschen Playboy genug mit Tattoos gibt" und ich solle doch bitte ehrlich sein und zugeben, dass sie mir "als Typ persönlich nicht passt". Außerdem teste sie mich auf meine "Seriosität".

Ah ja, der berühmte Seriositäts-Test. Den bestehe ich offenbar, indem ich meine jahrelange Erfahrung als Playboy-Fotograf über Bord werfe und stattdessen auf die forensische Tattoo-Expertise einer Fremden vertraue, die glaubt, Altersangaben seien ein guter Gesprächseinstieg.

Was ich an solchen Situationen besonders schätze: die Gelegenheit zur Selbstreflexion. In den stillen Momenten nach solchen Interaktionen frage ich mich manchmal, ob ich vielleicht in einem Paralleluniversum gelandet bin, in dem "keine großen Tattoos" in Wirklichkeit "bitte tätowiere dir ein komplettes Familienporträt auf den Schenkel" bedeutet.

Die Quintessenz dieser Geschichte ist eigentlich recht simpel: Bevor man sich permanent bemalen lässt, sollte man vielleicht kurz innehalten und überlegen, ob die lebensgroße Abbildung des eigenen Haustieres auf dem Dekolleté möglicherweise bestimmte Karrierewege versperren könnte. Nicht jede Entscheidung muss für die Ewigkeit gedacht sein, aber Tinte unter der Haut gehört definitiv in diese Kategorie.

Haben Sie aufs Datum geschaut? Ja, heute ist der 1. April. Manchmal fühlt sich mein Leben an wie ein Aprilscherz. Unabhängig vom Datum.

Navigieren