Lolita: Wenn ein Name zum Tabu wird

Lolita: Wenn ein Name zum Tabu wird

Es ist unglaublich. Ich wollte auf Instagram nach einem Model suchen, mit dem ich ein Shooting plane. Ihr Name — und jetzt kommt's — ist tatsächlich Lolita. Mit Reisepass und allem Drum und Dran. Was dann passierte, ist so absurd, dass ich es kaum glauben konnte: Instagram blockierte meine Suche noch vor dem Absenden.

Lesezeit: 3 Min.

Ein schwarzes Fenster erschien mit der freundlichen Mitteilung, dass die Suche nach diesem Begriff potenziell illegal sei. Moment mal. Ein echter Vorname, illegal?

Suche nach "Lolita" ist verboten

Ich lehnte mich zurück und dachte: Was ist hier eigentlich los? Da hat ein Algorithmus entschieden, dass ein vollkommen legitimer Name — der übrigens in spanischsprachigen Ländern recht verbreitet ist — nicht gesucht werden darf. Warum? Wegen eines Romans aus den 1950er Jahren, den ich persönlich ziemlich öde fand.

Ja, richtig gelesen. Ich habe "Lolita" von Vladimir Nabokov tatsächlich gelesen. Ich war neugierig, worum es bei diesem legendären Skandalroman geht. Und was soll ich sagen? Ich war enttäuscht. All die sprachliche Brillanz, von der Literatur­kritiker schwärmen? Ging bei mir irgend­wie unter. Vielleicht lag's an der deutschen Über­setzung. Oder daran, dass ich einfach nicht der Typ für verschach­telte Sätze und moralische Ambi­valenzen bin. Ich fotografiere lieber, als 300 Seiten über die Psyche eines zweifel­haften Protagonisten zu lesen.

Was mich wirklich fasziniert, ist die kulturelle Eigen­dynamik, die dieser Name entwickelt hat. Da ist zunächst das ikonische Film­plakat zu Kubricks Verfilmung. Mit Herzchen-Sonnenbrille und Lollipop. Und noch besser, das Kunstplakat vom polnischen Illustrator Bartosz Kosowski für eine Ausstellung in San Francisco — ein stilisierter roter Lolli vor rosa Hintergrund, der gleichzeitig eine weibliche Form andeutet.

Aus grafischer Sicht ein Geniestreich: mini­malistisch, doppel­deutig, provokant in seiner Subtilität. Die hand­schriftliche Typografie und die Textur des Drucks verleihen dem Ganzen eine künstlerische Spannung zwischen Unschuld und Ver­führung. Als Fotograf kann ich die visuelle Kraft dieser meta­phorischen Bildsprache nur bewundern.

Dann kam im Jahr 2000 die französische Sängerin Alizée mit "Moi... Lolita" — ein Ohrwurm, der sich festsetzt wie Kau­gummi unter der Schuhsohle. Plötzlich tanzten Teenager zu einem Song, dessen literarische Referenz sie vermutlich nie gelesen hatten. Ich kenne tatsächlich ein Model, Mitte 20, die Alizée als ihr großes Idol bezeichnet und mit dieser Ästhetik spielt. Ohne auch nur im Ent­ferntesten etwas mit dem ur­sprüng­lichen "Skandal" zu tun zu haben.

Und heute? Heute darf man auf Instagram nicht einmal mehr nach dem Namen suchen.

Ist das nicht verrückt? Ein Algorithmus, der keinen Unterschied kennt zwischen einem tatsächlichen Namen, einer Roman­figur und kriminellen Inhalten. Die gut gemeinte Schutz­maßnahme wird zur absurden Zensur.

Natürlich verstehe ich den Grund­gedanken. Kinder­schutz ist wichtig, keine Frage. Aber wenn ein Name — ein völlig legitimer Name — zum digitalen Tabu wird, haben wir ein Problem mit unserem Umgang mit Sprache, Kultur und Geschichte.

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