Profi-Sportler kennen das schon lange. Triathleten lassen sich sich unter Wasser filmen, um ihren Schwimmstil zu optimieren. Fußballteams analysieren nach jedem Spiel minutiös ihre Manöver. Warum sollte das bei Fotografen anders sein? Ich dachte immer, ich wüsste, wie ich arbeite. Konzentriert, fokussiert, professionell. Was ich nicht wusste: Ich sehe dabei aus wie jemand, der gerade die Steuererklärung seiner Schwiegereltern macht.
Ich bin beim Fotografieren im Tunnel, komplett im Moment, voll bei der Sache. Aber muss ich deshalb so ernst dreinschauen, als hätte mir jemand gerade erklärt, dass der Weltuntergang in drei Stunden stattfindet? Verschrecke ich damit nicht das Model?
Die Sache ist komplizierter, als sie zunächst scheint. Da steht ein Model vor mir, möglicherweise friert sie im Wind, ich will sie nicht unnötig lange nackt herumstehen lassen. Sie performt, macht ihre Sache gut, glaubt vermutlich, alles läuft rund. Aber ich kämpfe noch mit der Komposition, bin unzufrieden mit dem Licht, der Blickwinkel stimmt nicht ganz. Gleichzeitig möchte ich ihren Fluss nicht unterbrechen, nicht stoppen, was gerade funktioniert. Also kämpfe ich innerlich mit mir selbst.
Dazu kommt ein praktisches Problem: Ich fotografiere gerne gegen das Licht. Die Sonne blendet mich. Ich spreche mit dem Model, blicke dann wieder durch den Sucher und sehe erstmal gar nichts, so hell ist es. Ich kneife die Augen zusammen, versuche mich zu orientieren, will mich aber auch nicht dauernd hinter dem Sucher verstecken.
Eine Sonnenbrille wäre natürlich eine Lösung, aber da fehlt mir leider die Coolness eines Kristian Schuller. Der kann mit dunkler Brille fotografieren und sieht dabei aus wie ein Rockstar. Ich würde vermutlich kein Bild mehr scharf stellen können. Und so verzichte ich lieber auf die dunklen Gläser auf den Augen.
Außerdem bin ich null im Flirt-Modus. Das ist auch gut so, oder? Ich bin ausschließlich darauf fokussiert, gute Bilder zu machen. Das habe ich fest im Blick, darauf konzentriere ich mich zu hundert Prozent. Und ich möchte nie weniger als hundert Prozent geben, egal wer vor der Kamera steht, ob es um einen kleinen Job geht oder eine wichtige Publikation. Ich mache da keine Unterschiede.
Manchmal wird die Kommunikation auch nicht einfacher dadurch, dass zwei Fremdsprachler auf Englisch versuchen zu harmonieren. Obwohl ich gestehen muss, dass ich selbst auf Deutsch meine Schwierigkeiten habe, Posinganweisungen zu geben. "Das rechte Bein mehr anwinkeln, nein, äh, das linke, also warte, nein, dein rechtes oder mein rechtes?" Sie kennen das vielleicht.
Was an der Videoanalyse für mich gut war: Sie zeigt mir etwas, das ich selbst nicht wahrnehme. Ich fühle mich konzentriert und professionell, aber ich wirke möglicherweise angespannt und humorlos. Das Model sieht nur mein Gesicht, nicht meine inneren Prozesse. Und wenn ich aussehe wie jemand, der gerade die Bedienungsanleitung eines Staubsaugers studiert, dann färbt das vermutlich auf mein Gegenüber ab.
Also werde ich meinen Teil der Arbeit tun. Beim nächsten Shooting, oder vielleicht auch erst beim übernächsten (man muss ja realistisch bleiben), werde ich versuchen, lockerer zu sein. Ein bisschen mehr zu lächeln. Vielleicht sogar zu lachen. Nicht nur das Model muss vor der Kamera gut rüberkommen, sondern auch ich dahinter.
