Kleine Kulturgeschichte des Knöchels

Kleine Kulturgeschichte des Knöchels

Die Geschichte klingt fast zu absurd, um wahr zu sein: Eine Dame der feinen viktorianischen Gesellschaft soll 1866 beim Anblick eines entblößten Knöchels in Ohnmacht gefallen sein. Nun ja, vermutlich eine dieser zeitgenössischen Übertreibungen, aber sie erzählt uns etwas Faszinierendes über die Macht kultureller Tabus.

Lesezeit: 2 Min.

Die Viktorianer trieben es sicherlich auf die Spitze mit ihrer Prüderie. Aber sie standen mit ihrer speziellen Beziehung zum Knöchel nicht allein da. In China entwickelte sich eine regelrecht krankhafte Obsession für kleine Füße. Die berüchtigten Lotusfüße, zusammengepresst auf weniger als zehn Zentimeter Länge. Eine Tradition, die sich bis in die 1950er Jahre hielt, ein Ritual zwischen Statussymbol und Körperverletzung.

Spannend ist der Kontrast zum japanischen Kulturkreis. Dort war der Knöchel beim Tragen des Kimono völlig unproblematisch. Dafür galt der Nacken als erotische Zone par excellence. Wenn Rei Kawakubo für Comme des Garçons in ihren Kollektionen bewusst mit verhüllten und enthüllten Körperpartien spielt, zeigt das eigentlich nur, wie willkürlich unsere Vorstellungen von "angemessen" und "unangemessen" sind.

Nur zu Illustrationszwecken (ich bin ja immer noch ein Aktfotograf und kein Historiker)

Mein persönliches Lieblingskapitel ist aber das Rokoko. Diese Epoche war so wunderbar verschroben! In Versailles wurde das gezielte Aufblitzen nackter Haut zum raffinierten Gesellschaftsspiel. Ein kurz geraffter Rock beim Aussteigen aus der Kutsche, ein scheinbar versehentlich sichtbarer Knöchel beim Menuett — die subtile Kunst der Andeutung.

Und heute? Die "Hochwasser-Hosen" der letzten Jahre haben den Knöchel zur permanenten Ausstellung gemacht. Was früher Riechsalz-Anfälle provozierte, sorgt heute höchstens noch für kalte Füße bei Winterwetter. Die modische Rebellion ist zur Alltagserscheinung geworden.

Aber vielleicht sagt das auch etwas über unsere Zeit aus: Wenn das ehemals Skandalöse zur Norm wird, verliert es seinen Reiz. Die Viktorianer waren mit ihrer übertriebenen Prüderie sicher nicht auf dem richtigen Weg, aber sie verstanden zumindest noch die Kraft des Unerwarteten. Manchmal frage ich mich, worüber sich unsere Gesellschaft wohl in 100 Jahren wundern wird.

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