Die Saft-Illusion

Die Saft-Illusion

Flughafen Fuerteventua. Zwischen müden Touristen und Familien mit quengelnden Kindern steht sie — frisch aus Barcelona eingeflogen, das neue Gesicht für meine Insel­serie. Groß, selbst­bewusst, mit diesem Blick, der sofort Kamera­bereitschaft signalisiert. Nach dem obliga­torischen Smalltalk auf der Fahrt kommt der für sie vermut­lich lang­weiligste, für mich aufschluss­reichste Teil unserer Zusammen­arbeit: der gemeinsame Einkauf.

Lesezeit: 4 Min.

Such dir alles aus, was du für die nächsten Tage brauchst,

sage ich und stelle den Einkaufs­wagen bereit. Was dann folgt, gleicht einem Ritual, das ich inzwischen blind vorher­sagen kann.

Erste Station: Obst.

Ein paar Bananen, vielleicht Beeren. Vernünftig. Dann ein kurzes Inne­halten bei den Süßig­keiten, ein schuld­bewusstes Lächeln und ein ent­schlossenes Weiter­schieben des Wagens. Disziplin demonstrieren, denke ich mir. Doch dann, mit der Ziel­sicherheit eines Zug­vogels auf Heimat­route, steuert sie die Getränke­abteilung an.

Und hier geschieht es — der Moment, in dem aus dem disziplinierten Profi­model plötzlich ein Kind im Süßigkeiten­laden wird. Ihre Augen gleiten über die bunten Flaschen und bleiben hängen. Nicht etwa bei den Wasser­sorten, nicht bei den Tees. Nein, es sind die Direkt­säfte, die frisch gepressten Varianten, die „Green Smoothies" und „Vitamin-Booster", die eine fast magische Anziehungs­kraft ausüben.

„Der ist super", sagt sie und greift nach einem 2 Liter großen Granat­apfelsaft, „voller Antioxidantien." Ich nicke höflich, während ich mir vorstelle, wie ihre Leber bei dieser Ankündi­gung nervös zu zucken beginnt. Ein Liter Granat­apfel­saft enthält schon 140 Gramm Zucker — das entspricht 35 Stück Würfel­zucker. Würde ich ihr 70 Zucker­würfel anbieten, sie würde mich vermutlich für verrückt erklären.

Fruchtzucker

Während sie weiter durch die Regal­reihen schweift, beobachte ich dieses faszinierende Phänomen: Die gleiche Person, die eben noch andächtig Bio-Avocados befühlt hat, lädt jetzt ohne zu zögern flüssigen Zucker in den Wagen. Frucht­zucker, ja, aber Zucker bleibt Zucker, egal wie hübsch das Etikett gestaltet ist.

Ich muss schmunzeln, denn es ist kaum zehn Jahre her, da stand ich selbst am Hotel­buffet und ärgerte mich über die lächerlich kleinen Saft­gläser. Drei davon stellte ich mir regelmäßig auf den Teller — schließ­lich war ich mit Hohes C und Onkel Dittmeyers Valensina aufge­wachsen und tief überzeugt: Saft ist gesund! Bei Capri Sonne und Punica Oase spürte ich ehrlich gesagt schon als Kind, dass es vielleicht doch nicht die Vitamin­bomben waren, als die sie beworben wurden.

Aber Orangensaft? Der galt als flüssiges Gold der Gesundheit. Bis irgendwann ein Ernährungs­wissenschaftler im Fernsehen erklärte, dass Saft unnatür­lich große Portionen konzen­trierten Zuckers sind. Meine Ernährungs­offenbarung kam spät, aber immerhin recht­zeitig, um heute beim Anblick voll­gepackter Einkaufs­wagen wissend zu lächeln.

Ich könnte also etwas sagen. Könnte erwähnen, dass der menschliche Körper nicht für die schnelle Verarbeitung konzen­trierter Fruchtzucker-Bomben konzipiert ist. Dass die fehlenden Ballast­stoffe das eigentliche Problem sind. Dass ein ganzer Apfel gesünder ist als ein Glas Apfel­saft, weil die Natur in ihrer Weis­heit das Frucht­fleisch als natürliche Bremse für den Zuckerflash vorgesehen hat.

Aber ich schweige. Nicht aus Gleich­gültigkeit, sondern aus Respekt vor der selt­samen menschlichen Fähigkeit, sich selbst etwas vorzumachen. Wer bin ich schon, diesen kleinen Selbst­betrug zu zerstören? Schließlich wurden wir alle so sozialisiert — der Orangen­saft zum Frühstück, der Smoothie nach dem Sport.

Fertig

An der Kasse dann die Bilanz: Zwei verschiedene Direkt­säfte, ein Green Smoothie und ein Granatapfel-Wunder­mittel. Zusammen rund 4 Liter flüssiger Zucker für zwei Tage Shooting. Sie lächelt zufrieden, als hätte sie gerade die gesündesten Entscheidungen ihres Lebens getroffen.

Zurück im Auto wird mir klar: Dieser kleine Supermarkt-Rundgang ist ein Spiegel­bild unserer kollektiven Ernährungs­verwirrung. Während wir penibel Kalorien zählen und Kohlen­hydrate fürchten, schlürfen wir bedenken­los Getränke, die unseren Blutzucker­spiegel Achter­bahn fahren lassen.

Als Fotograf ist es nicht meine Aufgabe, Ernährungs­berater zu spielen. Also fahren wir zur Location, sie mit ihrer kostbaren Saft­ladung, ich mit der stillen Erkenntnis, dass Marketing manchmal stärker ist als Vernunft. Morgen werde ich wieder Bilder machen, die Vitalität und Gesund­heit ausstrahlen — mit einem Model, das seine Leber gerade auf Hoch­touren arbeiten lässt.

Vielleicht ist das die größte Ironie meines Berufs: Ich erschaffe Bilder von vermeint­licher Perfektion, während ich die kleinen Selbst­täuschungen dahinter schweigend beobachte. Ein Glas Wasser, bitte — für mich.

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