Such dir alles aus, was du für die nächsten Tage brauchst,
sage ich und stelle den Einkaufswagen bereit. Was dann folgt, gleicht einem Ritual, das ich inzwischen blind vorhersagen kann.
Erste Station: Obst.
Ein paar Bananen, vielleicht Beeren. Vernünftig. Dann ein kurzes Innehalten bei den Süßigkeiten, ein schuldbewusstes Lächeln und ein entschlossenes Weiterschieben des Wagens. Disziplin demonstrieren, denke ich mir. Doch dann, mit der Zielsicherheit eines Zugvogels auf Heimatroute, steuert sie die Getränkeabteilung an.
Und hier geschieht es — der Moment, in dem aus dem disziplinierten Profimodel plötzlich ein Kind im Süßigkeitenladen wird. Ihre Augen gleiten über die bunten Flaschen und bleiben hängen. Nicht etwa bei den Wassersorten, nicht bei den Tees. Nein, es sind die Direktsäfte, die frisch gepressten Varianten, die „Green Smoothies" und „Vitamin-Booster", die eine fast magische Anziehungskraft ausüben.
„Der ist super", sagt sie und greift nach einem 2 Liter großen Granatapfelsaft, „voller Antioxidantien." Ich nicke höflich, während ich mir vorstelle, wie ihre Leber bei dieser Ankündigung nervös zu zucken beginnt. Ein Liter Granatapfelsaft enthält schon 140 Gramm Zucker — das entspricht 35 Stück Würfelzucker. Würde ich ihr 70 Zuckerwürfel anbieten, sie würde mich vermutlich für verrückt erklären.
Fruchtzucker
Während sie weiter durch die Regalreihen schweift, beobachte ich dieses faszinierende Phänomen: Die gleiche Person, die eben noch andächtig Bio-Avocados befühlt hat, lädt jetzt ohne zu zögern flüssigen Zucker in den Wagen. Fruchtzucker, ja, aber Zucker bleibt Zucker, egal wie hübsch das Etikett gestaltet ist.
Ich muss schmunzeln, denn es ist kaum zehn Jahre her, da stand ich selbst am Hotelbuffet und ärgerte mich über die lächerlich kleinen Saftgläser. Drei davon stellte ich mir regelmäßig auf den Teller — schließlich war ich mit Hohes C und Onkel Dittmeyers Valensina aufgewachsen und tief überzeugt: Saft ist gesund! Bei Capri Sonne und Punica Oase spürte ich ehrlich gesagt schon als Kind, dass es vielleicht doch nicht die Vitaminbomben waren, als die sie beworben wurden.
Aber Orangensaft? Der galt als flüssiges Gold der Gesundheit. Bis irgendwann ein Ernährungswissenschaftler im Fernsehen erklärte, dass Saft unnatürlich große Portionen konzentrierten Zuckers sind. Meine Ernährungsoffenbarung kam spät, aber immerhin rechtzeitig, um heute beim Anblick vollgepackter Einkaufswagen wissend zu lächeln.
Aber ich schweige. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Respekt vor der seltsamen menschlichen Fähigkeit, sich selbst etwas vorzumachen. Wer bin ich schon, diesen kleinen Selbstbetrug zu zerstören? Schließlich wurden wir alle so sozialisiert — der Orangensaft zum Frühstück, der Smoothie nach dem Sport.
Fertig
An der Kasse dann die Bilanz: Zwei verschiedene Direktsäfte, ein Green Smoothie und ein Granatapfel-Wundermittel. Zusammen rund 4 Liter flüssiger Zucker für zwei Tage Shooting. Sie lächelt zufrieden, als hätte sie gerade die gesündesten Entscheidungen ihres Lebens getroffen.
Zurück im Auto wird mir klar: Dieser kleine Supermarkt-Rundgang ist ein Spiegelbild unserer kollektiven Ernährungsverwirrung. Während wir penibel Kalorien zählen und Kohlenhydrate fürchten, schlürfen wir bedenkenlos Getränke, die unseren Blutzuckerspiegel Achterbahn fahren lassen.
Als Fotograf ist es nicht meine Aufgabe, Ernährungsberater zu spielen. Also fahren wir zur Location, sie mit ihrer kostbaren Saftladung, ich mit der stillen Erkenntnis, dass Marketing manchmal stärker ist als Vernunft. Morgen werde ich wieder Bilder machen, die Vitalität und Gesundheit ausstrahlen — mit einem Model, das seine Leber gerade auf Hochtouren arbeiten lässt.