Germany's Next Top Model

Germany's Next Top Model

Ein Aktfotograf, der seit der ersten Staffel GNTM schaut, kaum eine Episode verpasst hat und das Programm, wenn er ehrlich ist, sogar gerne sieht. Ich verstehe, wenn Sie jetzt kurz innehalten. Ich auch.

Lesezeit: 4 Min.

Das klingt nach einem Widerspruch, ich weiß. Aber die ersten Staffeln hatten für mich durchaus einen professionellen Reiz. Wie arbeiten die anderen? Wie setzen sie das Licht? Was für Shooting-Ideen gibt es, die ich noch nicht kenne? Ein Shooting mit Elefant im Zirkuszelt würde mich bis heute ansprechen. Am Helikopter hängend auch. Beides habe ich leider noch nicht umgesetzt, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Dann, in Staffel eins, gewann Lena Gercke. Kurzhaarig, was ich damals wie heute für einen der unterschätzten Looks überhaupt halte. Sie hat danach eine echte Weltkarriere hingelegt, und ich habe mir dabei immer gedacht: Ja, das war verdient.

Katy
Katy

Irgendwann hatte ich selbst eine Kandidatin vor der Linse. Katy, ich erinnere mich noch an den Namen, aus welcher Staffel das war, weiß ich heute nicht mehr. Kein GNTM-Shooting, sondern ein Auftrag für ein Fitnessstudio. Bekleidet, beim Training, also weit außerhalb meines üblichen Terrains.

Und dann, in Staffel acht, entdeckte ich beim Zuschauen Marie Czuczman, bei der ich sofort dachte: Playmate-Potenzial. Manchmal hat man einfach ein Auge dafür. Sie wurde tatsächlich Playmate, und ich durfte die Produktion übernehmen. Eines meiner außergewöhnlichsten Shootings bis heute, auch weil die Produktion in Sitges stattfand, an einem meiner Produktionsorte aus meinem Bildband Sublime, der wenige Tage später Premiere feierte. Das war eine dieser Wochen, die sich anfühlen, als hätte jemand zu viele gute Dinge auf einmal terminiert.

Marie
Marie

Kristian Schuller beobachte ich bis heute mit echtem Vergnügen. Was er in den letzten Jahren macht, wie er das Bild direkt beim Aufnehmen künstlerisch manipuliert, mit verschmierten Glasplatten, farbigem Transparentpapier, optischen Störungen aller Art, das finde ich klasse. Ich fühle das. Und dann ist da noch Rankin, dieses Schlitzohr aus England. Krasser Typ, toller Fotograf, mit einem Selbstbewusstsein, das man ihm durchaus lassen darf. Manches andere im Format war schlicht lächerlich, manche Shoots unrealistisch bis ins Absurde. Aber das gehört wohl dazu.

Ein jährliches Highlight sind für mich die Makeover-Folgen. Wenn ein Model in Tränen ausbricht, weil die Haare geschnitten werden sollen, denke ich jedes Mal dasselbe: Die wachsen nach. Versprochen. Heidi Klum hat übrigens, bei allem, was man über sie schreiben und sagen kann, mit diesem Format etwas geleistet, das man nicht kleinreden sollte. Sie hat das Thema Modeln in Deutschland über zwei Jahrzehnte in den Wohnzimmern gehalten, hat Generationen von Zuschauerinnen und Zuschauern erklärt, was hinter einem Shooting steckt, und dabei ein Format gebaut, das sich, trotz allem, immer noch trägt.

Was mich irgendwann zu nerven begann: der Zickenkrieg. Staffel für Staffel, verlässlich wie das Frühlingshochwasser. Ich wollte Fotografen bei der Arbeit zusehen, Inspiration mitnehmen, mich unterhalten. Stattdessen gab es Psychodramen, Tränen und Intrigen. Der Zeitgeist brachte dann Body Positivity, das Alterslimit fiel, und plötzlich liefen Mütter und Töchter gemeinsam durch den Wettbewerb. Die Mutter war in einer Staffel erkennbar besser in Form als ihre eigene Tochter. Das hat mich tatsächlich überrascht.

Vor einigen Staffeln kamen die Männer dazu. Und mit ihnen verschwand der Streit. Fast vollständig. Die Erklärung dafür ist eigentlich simpel: In reinen Frauengruppen unter Wettbewerbsdruck läuft der Kampf um Stellung nicht offen, sondern indirekt, über Ausgrenzung, Gerüchte, Koalitionen. Die direkte Konfrontation kostet zu viel Sympathie, also wählt man den Umweg. Sobald Männer in der Gruppe sind, ändert sich das Kalkül. Man will nun auch auf sie wirken, charmant, sympathisch, souverän. Und plötzlich zahlt das Intrigieren nicht mehr auf dieses Konto ein, es kostet sogar. Also lässt man es. Die eigentliche Instanz, die da wirkt, ist schlicht die Fremdwahrnehmung, das unbewusste Kalibrieren des eigenen Verhaltens nach dem Publikum, das man gerade beeindrucken möchte.

Die aktuelle Staffel läuft erstaunlich harmonisch und macht mir richtig Spaß. Models, die sich anstrengen. Trainierte Körper. Kandidaten, die laufen und sich artikulieren können. Keine Schreikrämpfe, keine Intrigen. Und ich merke wieder, warum ich das Format eigentlich immer geschätzt habe: Es ist ein Beobachtungslabor. Menschen, ihr Verhalten, ihr Auftritt, die Dynamiken, die sich entwickeln. Dafür ist diese Sendung wirklich große Klasse.

Das ging mir heute Nacht alles durch den Kopf, nachdem ich die Folge am Venice Beach gesehen hatte. Und dann fiel mir ein, dass ich selbst ein Foto vom Venice Beach besitze. Aufgenommen vor dreißig Jahren, noch als Tourist, ohne jede Ahnung, dass ich irgendwann Fotograf werden würde. Das Titelbild dieses Artikels. Der Kreis schließt sich, wie man so sagt, auch wenn er dreißig Jahre gebraucht hat.

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