2013, Homestory mit Monika. Sie stand in der Küche, umgeben von den üblichen Requisiten des Alltags. Auf der Arbeitsfläche lagen Streichhölzer — harmlose kleine Holzstäbchen mit rotem Kopf, die plötzlich meine Aufmerksamkeit auf sich zogen. Und dann kam dieser Gedankenblitz: Wie wäre es, wenn sie eins davon anzünden und zwischen die Lippen nehmen würde?
Monika, hättest du Lust, etwas Gefährliches auszuprobieren?
Sie schaute mich mit diesem typischen Blick an, den Models haben, wenn ihr Fotograf wieder mal eine dieser Ideen hat. Halb neugierig, halb skeptisch. Aber Monika war immer für kreative Experimente zu haben.
Gesagt, getan. Wir zündeten das Streichholz an, sie nahm es zwischen die Lippen, ich drückte ab — und dann ging alles erstaunlich schnell. Ein kurzes "Autsch!", der Geruch von verbranntem Haar, und Monika stand lachend vor mir, mit ein paar angesengten Wimpern weniger als zuvor. "Das war's wert", meinte sie nur und wollte direkt einen zweiten Versuch starten.
Das Foto wurde ganz ok. Es sorgte für Überraschung in meiner Bildserie. Dieser Moment zwischen Kontrolle und Gefahr, die Flamme so nah am Gesicht. Ein Bild voller Spannung. Ich war zufrieden.
Der Vorwurf traf mich wie ein Schlag in die Magengrube. Ein Plagiat? Ich? Der ich mir einbildete, immer meine eigenen Ideen zu verfolgen? Hastig klickte ich auf den Link und sah tatsächlich ein Bild mit einem brennenden Streichholz. Im Mund eines Models. Aber in einer völlig anderen Inszenierung, mit anderem Licht, anderer Stimmung. Ähnlich und doch ganz anders.
Haben Sie sich jemals gefragt, wie originell Ihre Gedanken wirklich sind? In einer Welt, in der täglich Millionen von Bildern entstehen, in der wir permanent visuellem Input ausgesetzt sind?
Ich begann zu grübeln. War mir dieses Bild irgendwann einmal begegnet? Hatte es sich in meinem Unterbewusstsein festgesetzt, nur um Jahre später als vermeintlich eigene Idee wieder aufzutauchen? Oder war es einfach ein Fall von kreativer Konvergenz? Zwei Menschen, die unabhängig voneinander auf eine ähnliche Idee kommen?
Ein brennendes Streichholz zwischen den Lippen — wie originell ist das überhaupt? Streichhölzer existieren seit über 150 Jahren. Menschen stecken sich die merkwürdigsten Dinge in den Mund. Die Kombination ist naheliegend. Fast zwangsläufig.
Ich habe in den letzten Jahren viel über Originalität nachgedacht. Über die Frage, wo die Inspiration aufhört und das Kopieren anfängt. Und je länger ich fotografiere, desto mehr komme ich zu der Überzeugung: Wahre Originalität liegt nicht in der Idee selbst, sondern in ihrer Ausführung. In der persönlichen Note. In der Handschrift des Künstlers.
Das bedeutet nicht, dass wir uns nicht um Originalität bemühen sollten. Nur sollten wir vielleicht etwas großzügiger sein mit anderen und mit uns selbst. Denn manchmal zündet man ein Streichholz an, ohne zu wissen, dass jemand anderes bereits ein ähnliches Feuer entfacht hat.
Und was meinen Sie? Wo ziehen Sie die Grenze zwischen Inspiration und Kopie? Zwischen zufälliger Ähnlichkeit und bewusstem Plagiat?