In den vergangenen fünfzehn Jahre hat sich im Kamerabau mächtig etwas bewegt. Die Spiegellosen, anfangs von den Veteranen des Klappspiegels mit einem milden Lächeln bedacht, das man sonst Menschen vorbehält, die ihren Wein mit Wasser strecken, haben den Markt übernommen. Sony, Nikon, Panasonic, Fuji, sogar Canon (die sich anfangs etwas schwer taten) bauen heute Geräte, bei denen man schon erhebliche Energie aufwenden muss, um damit wirklich schlechte Fotos zu produzieren. Mich hält inzwischen das Objektiv-Ökosystem bei Sony. Ohne diese Bindung wäre ich sonst vielleicht irgendwann aus reiner Neugier gewandert.
Meine a7R IV stammt aus dem Jahr 2019. Sie ist, ohne dass ich hier übertreiben müsste, die beste Kamera, die ich je besessen habe. Besser als die Phase One, die ich vor gut zehn Jahren mit einem Wertverlust veräußert habe, der sich am freundlichsten als pädagogisch beschreiben lässt. Nachgeweint habe ich ihr keine Träne. Die Sony tut schlicht, was ich von ihr verlange, zuverlässig, ohne Drama, ohne jene Eigenheiten, die teure Werkzeuge gelegentlich entwickeln, sobald sie merken, dass man auf sie angewiesen ist.
Der Grund für den Neukauf ist unromantisch. Wochenlange Produktionen auf kleinen Inseln bedeuten auch: Fällt die Hauptkamera aus, muss ich sofort weiterarbeiten können. Also liegt immer ein zweites Gehäuse im Rucksack. Bislang meine a7R II von 2015, ein treues Gerät, das an einem beachtlichen Teil von Sublime mitgewirkt hat.
Inzwischen ist die R II aber in einem Alter, in dem man ihr nicht mehr jeden Einsatz zumuten möchte. Ich hätte einfach ein neues Zweitgerät kaufen können. Stattdessen rückt nun jeder eine Position auf, wie in einem sehr kleinen Familienbetrieb: Die R II geht in Rente, die R IV übernimmt das Backup, vorne steht künftig die R V.
Mitten in diese Überlegung fiel die Präsentation der a7R VI. Gestackter Sensor, dreißig Bilder pro Sekunde, 8K Video, 67 Megapixel. Eine beeindruckende Maschine, wirklich. Nur, was fange ich mit dreißig Bildern pro Sekunde an? Ich fotografiere keine Springreiter, keine Formel-1-Wagen, keine aufgescheuchten Vogelschwärme. Mehr Megapixel brauche ich nicht, denn sie bedeuten nur mehr Speicherkarten, längere Übertragungen, noch mehr Backup-Festplatten.
Der Preis ist noch einmal ein Thema für sich. Die R VI ist ihn bestimmt wert, daran zweifle ich nicht. Wenn die R IV nach sieben Jahren immer noch so gut ist, dass mir kein ernsthaftes Argument für ein Upgrade einfällt, dann sagt das weniger über meine Genügsamkeit als über den Stand der Dinge: Die Technik steht der eigenen Kreativität schon länger nicht mehr im Weg. In der Frühzeit der Digitalfotografie war das noch anders. Inzwischen sind Kameras ausgereift.
Am sogenannten "Gear Acquisition Syndrome" leide ich zum Glück nicht. Ich kaufe, wenn es einen Grund gibt, nicht wenn es etwas Neues gibt. Diesmal gab es einen: eine müde Backup-Kamera, ein handfestes Kompatibilitätsargument und vielleicht der noch bessere Autofokus der R V.
Nun liegt sie also da, meine neue Fünf. Sie fühlt sich kaum anders an als die R IV, was ich als Kompliment meine. Die Okularmuschel wackelt zwar ein wenig und das Ausklappdisplay ist spürbar dicker geworden. Auch die Dateien sind überraschenderweise ein paar MB größer, obwohl der Sensor derselbe ist. Das Menü ist tatsächlich übersichtlicher, aber immer noch von einem Umfang, den ich mir über mehrere Tage erarbeiten musste.
Und dann die Speicherkarten. Meine Sony Tough Karten verweigert die R V vollständig. Es sind jene Karten aus der defekten Charge, die damals durch Deutschland ging, groß angepriesen vom selben Haus, das auch die Kamera gebaut hat. Der Umtausch scheiterte seinerzeit am Support, der mich schlicht hängen ließ. In der R IV laufen sie unbekümmert, die R V lehnt sie ab. Immerhin hat mir Sony damit eine Kaufentscheidung abgenommen: Sony Tough Speicherkarten sind für mich damit für immer tabu. Stattdessen nutze ich jetzt Sandisk, Lexar und Kingston.
Ab sofort darf sich die Fünf im Alltag beweisen. Der Autofokus ist noch einmal deutlich besser geworden und auch auf mehr Bildstabilisierung bin ich gespannt. Ich freue mich auf die nächsten Jahre mit meinem neuen Arbeitstier.
