Die Autorin erklärt mir ernsthaft anhand der Satzstruktur "Die Katze frisst die Maus", wie Frauen im Film objektifiziert werden. Subjekt-Prädikat-Objekt wird zur Metapher für Mann-schaut-Frau. Ich muss zweimal hinhören, ob das wirklich ihr Ernst ist.
Moment mal. Ich fotografiere seit über einem Jahrzehnt Menschen, oft Frauen, oft in intimen Situationen. Ich kenne die Diskussion um Objektivierung nicht nur aus der Theorie, ich lebe sie praktisch jeden Tag. Wenn eine Frau vor meiner Kamera steht, entscheidet sie mit jeder Pose, jedem Blick, jeder Bewegung aktiv mit. Sie ist Subjekt ihrer eigenen Darstellung, auch wenn — oder gerade weil — sie sich bewusst für eine bestimmte Form der Sinnlichkeit entscheidet.
Aber das passt nicht in die Grammatikstunde unserer Dokumentarfilmerin. Da wird eine Filmszene seziert, bis nur noch das übrig bleibt, was in die vorgefertigte Theorie passt. James Bond schaut durch ein Fernglas auf eine Frau am Strand — und schon haben wir das patriarchale Muster entlarvt. Dass die Frau vielleicht eine eigene Rolle in der Geschichte spielt, interessiert nicht. Sie wird zur Maus degradiert, die von der grammatischen Katze gefressen wird.
Was mich dabei wirklich stört? Diese Art der Argumentation schadet dem Feminismus mehr, als sie ihm nützt. Wenn wir anfangen, jede Blickrichtung zu einer politischen Kampfzone zu erklären und dabei zu linguistischen Vergleichen greifen, die so absurd sind, dass selbst wohlwollende Betrachter die Augen rollen, dann verspielen wir Glaubwürdigkeit.
Und dann wird's richtig wild (im WDR): Plötzlich werden Körperideale mit dem Nationalsozialismus verknüpft und Fitness-Trends als koloniale Unterdrückung gedeutet. Ich bin nicht sicher, ob mein morgendlicher Lauf jetzt eine faschistische Handlung ist oder meine Vorliebe für Gemüse ein Akt der Gewalt gegen andere Körperformen. Das ist etwa so, als würde man behaupten, Kaffeetrinken sei problematisch, weil auch Napoleon Kaffee getrunken hat. Irgendwann hat man so viele verschiedene Diskriminierungsformen in einen Topf geworfen, dass niemand mehr weiß, worüber eigentlich diskutiert wird.
Echte Gleichberechtigung braucht differenzierte Betrachtungen, keine Holzhammer-Metaphern. Sie braucht Gespräche über strukturelle Benachteiligung, über Machtgefälle, über die Vielfalt weiblicher Erfahrungen. Sie braucht aber auch den Mut, anzuerkennen, dass nicht jeder männliche Blick automatisch ein unterdrückender ist und nicht jede weibliche Selbstdarstellung eine Unterwerfung. Weder gestern noch heute.
In meiner Arbeit erlebe ich täglich, wie komplex das Thema Blick und Betrachtung wirklich ist. Eine Frau, die sich entscheidet, sinnlich zu posieren, macht das aus einem Gefühl der Stärke heraus, nicht der Schwäche. Sie nutzt ihre Ausstrahlung, ihr Körpergefühl, ihre Ästhetik als Ausdrucksmittel. Das zu einer simplen Subjekt-Objekt-Beziehung zu reduzieren, wird der Realität nicht gerecht.
Meine Models würden über diese "Opfer-Theorie" nur lachen. Die Frauen, die vor meiner Kamera stehen, sind Unternehmerinnen in eigener Sache. Sie wissen genau, welche Beträge sie aufrufen können, und haben zahlende Fans an der Angel. Sie bauen strategisch ihre Personal Brand auf und verdienen mittlerweile deutlich mehr als die Fotografen, die sie ablichten — und das sage ich ohne Neid! Diese Frauen als passive Objekte zu betrachten, wäre nicht nur falsch, sondern auch ziemlich beleidigend für ihren Business-Verstand.
Übrigens: Ich vermute stark, dass auch alle Bond Girls die mediale Aufmerksamkeit durchaus genossen haben und sie sehr gezielt als Sprungbrett für ihre eigenen Karrieren genutzt haben. Ursula Andress (Dr. No), Honor Blackman (Goldfinger), Halle Berry (Stirb an einem anderen Tag) oder meine Lieblingsschauspielerin Sophie Marceau (Die Welt ist nicht genug) — keine von ihnen wirkt auf mich wie ein Opfer des männlichen Blicks. Eher wie Schauspielerinnen, die eine Gelegenheit beim Schopf gepackt haben.
