Als Filme noch berauschten

Als Filme noch berauschten

Kennen Sie dieses Gefühl noch? Als Kind aus dem Kino zu taumeln, irgend­wie benommen und berauscht, mit einem Kopf voller magischer Bilder und dem untrüg­lichen Gefühl, gerade in einer anderen Welt gewesen zu sein? Ich kann mich noch gut erinnern, wie mich Kino­besuche in meiner Kind­heit regelrecht in einen Trance­zustand versetzt haben. Nach dem Film brauchte ich immer etwas Zeit, um wieder in der Realität anzukommen.

Lesezeit: 3 Min.

Was ich damals nicht wusste: Dieser Zustand hat tatsächlich einen Namen. In der Medien­psychologie spricht man vom "Transportations­effekt" oder "narrativer Immersion". Es ist jener besondere Bewusst­seins­zustand, in dem wir die Grenzen zwischen uns und der Geschichte auflösen, uns voll­ständig in der Erzählung ver­lieren und alles um uns herum vergessen.

Als Kind war dieser Effekt besonders intensiv. Unsere Vorstellungs­kraft arbeitete auf Hoch­touren, die Filter zwischen Realität und Fiktion waren noch dünn und durch­lässig. Die Abenteuer auf der Lein­wand konnten wir buch­stäblich miterleben, als wären wir mittendrin.

Und heute? Da sitze ich im selben Kino­sessel, schaue auf dieselbe Lein­wand, aber irgend­etwas ist anders. Die Mauern zwischen Film und meiner Wahr­nehmung sind dicker geworden. Ich genieße Filme noch immer, analysiere sie viel­leicht sogar besser, aber der Rausch, dieses voll­ständige Eintauchen — das passiert nur noch selten.

Liegt es an mir? An den Filmen? Oder vielleicht an unserer Zeit?

Ich vermute, es ist eine Mischung aus allem. Mit dem Erwachsen­werden haben sich meine kognitiven Filter verhärtet. Ich bewerte, vergleiche, ordne ein. Die kritische Distanz ist größer geworden. Gleich­zeitig sind wir heute einer permanenten Reiz­überflutung ausgesetzt. Unsere Aufmerksamkeits­spanne schrumpft, während die Medien­flut anschwillt. Wie soll da noch Raum für tiefe Immersion bleiben, wenn das nächste Ablenkungs­angebot schon in der Hosentasche vibriert?

Man kann den Transportations­effekt übrigens beobachten: Die veränderte Zeit­wahrnehmung, die reduzierten Reaktionen auf die Umgebung, die unwill­kürlichen körper­lichen Reaktionen auf das Film­geschehen. Und nach dem Film dieser besondere Schwebe­zustand, in dem die emotionale Färbung der Geschichte noch nachwirkt.

Bei Kindern ist das besonders augenfällig. Sie spielen Szenen nach, sie leben noch stunden­lang in der Filmwelt weiter. Erwachsene hingegen scheinen einen Schalter um­legen zu können. Film aus, Realität an. Schade eigentlich.

Und doch: Es lohnt sich, diesen Zustand wieder zu kultivieren. In einer Welt, die uns ständig mit Reizen bombardiert, ist die Fähigkeit zur voll­ständigen Konzentration auf eine einzige Erfahrung eine Art Super­kraft geworden. Der Transportations­effekt bietet nicht nur eine wert­volle mentale Erholung, er erweitert auch unsere Empathie­fähigkeit, indem er uns fremde Per­spektiven hautnah erleben lässt.

Ich habe mir vorgenommen, diesen Zustand wieder öfter zu suchen. Handy aus, Erwartungen beiseite, kritischen Ver­stand für zwei Stunden in den Standby-Modus versetzen. Einfach wieder sein wie damals, als ich noch ganz Auge und Ohr war, empfänglich für das Wunder einer gut erzählten Geschichte.

Vielleicht begegnen wir uns ja mal im Kino, in diesem kurzen Moment nach dem Abspann, wenn das Licht noch nicht ganz an ist und manche von uns noch nicht ganz zurück in der Realität sind. Dann nicken wir uns wissend zu, als Mitglieder eines geheimen Klubs derer, die sich noch ver­zaubern lassen können.

Ich arbeite jedenfalls daran, wieder Mitglied zu werden.

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