Was ich damals nicht wusste: Dieser Zustand hat tatsächlich einen Namen. In der Medienpsychologie spricht man vom "Transportationseffekt" oder "narrativer Immersion". Es ist jener besondere Bewusstseinszustand, in dem wir die Grenzen zwischen uns und der Geschichte auflösen, uns vollständig in der Erzählung verlieren und alles um uns herum vergessen.
Und heute? Da sitze ich im selben Kinosessel, schaue auf dieselbe Leinwand, aber irgendetwas ist anders. Die Mauern zwischen Film und meiner Wahrnehmung sind dicker geworden. Ich genieße Filme noch immer, analysiere sie vielleicht sogar besser, aber der Rausch, dieses vollständige Eintauchen — das passiert nur noch selten.
Liegt es an mir? An den Filmen? Oder vielleicht an unserer Zeit?
Ich vermute, es ist eine Mischung aus allem. Mit dem Erwachsenwerden haben sich meine kognitiven Filter verhärtet. Ich bewerte, vergleiche, ordne ein. Die kritische Distanz ist größer geworden. Gleichzeitig sind wir heute einer permanenten Reizüberflutung ausgesetzt. Unsere Aufmerksamkeitsspanne schrumpft, während die Medienflut anschwillt. Wie soll da noch Raum für tiefe Immersion bleiben, wenn das nächste Ablenkungsangebot schon in der Hosentasche vibriert?
Man kann den Transportationseffekt übrigens beobachten: Die veränderte Zeitwahrnehmung, die reduzierten Reaktionen auf die Umgebung, die unwillkürlichen körperlichen Reaktionen auf das Filmgeschehen. Und nach dem Film dieser besondere Schwebezustand, in dem die emotionale Färbung der Geschichte noch nachwirkt.
Bei Kindern ist das besonders augenfällig. Sie spielen Szenen nach, sie leben noch stundenlang in der Filmwelt weiter. Erwachsene hingegen scheinen einen Schalter umlegen zu können. Film aus, Realität an. Schade eigentlich.
Und doch: Es lohnt sich, diesen Zustand wieder zu kultivieren. In einer Welt, die uns ständig mit Reizen bombardiert, ist die Fähigkeit zur vollständigen Konzentration auf eine einzige Erfahrung eine Art Superkraft geworden. Der Transportationseffekt bietet nicht nur eine wertvolle mentale Erholung, er erweitert auch unsere Empathiefähigkeit, indem er uns fremde Perspektiven hautnah erleben lässt.
Ich habe mir vorgenommen, diesen Zustand wieder öfter zu suchen. Handy aus, Erwartungen beiseite, kritischen Verstand für zwei Stunden in den Standby-Modus versetzen. Einfach wieder sein wie damals, als ich noch ganz Auge und Ohr war, empfänglich für das Wunder einer gut erzählten Geschichte.
Vielleicht begegnen wir uns ja mal im Kino, in diesem kurzen Moment nach dem Abspann, wenn das Licht noch nicht ganz an ist und manche von uns noch nicht ganz zurück in der Realität sind. Dann nicken wir uns wissend zu, als Mitglieder eines geheimen Klubs derer, die sich noch verzaubern lassen können.