Ich renne ständig mit meiner Kamera durch die Gegend, fotografiere schöne Frauen an schönen Orten, mache regelmäßig Website-Updates, optimiere hier, tausche da ein Bild aus. Aber ich selbst? Ich bin das Phantom hinter der Kamera. Der Mann ohne Gesicht. Nicht aus Bescheidenheit, sondern weil ich mich auf der anderen Seite der Linse schlicht wohler fühle. Ich bin gern der Sehende, nicht der Gesehene. Und das hat nichts mit stiller Beobachtung zu tun, im Gegenteil. Ich bin ein ziemlich aktiver Beobachter. Ich komponiere, ich inszeniere, ich dirigiere. Aber ich stehe eben nicht gerne auf der Bühne.
Richten Sie mal eine Kamera auf jemanden, der genau weiß, was diese Kamera alles kann, was Licht gerade macht, welchen Winkel er vermeiden sollte und wo das Kinn hingehört. Das Ergebnis ist ungefähr so natürlich wie ein Zahnarztlächeln. Man weiß zu viel. Jeder Fotograf, der das Gegenteil behauptet, hat entweder enormes Talent zur Selbsttäuschung oder einen sehr guten Whisky intus.
Der Schuster hat die schlechtesten Schuhe.
Dieses Sprichwort ist so abgedroschen, dass man es eigentlich nicht mehr verwenden darf. Aber es stimmt halt. Es stimmt so dermaßen, dass es wehtut.
Also: Höchste Zeit, das zu ändern. Gebügeltes T-Shirt angezogen (das ist meiner Frau sehr wichtig, und ich finde, sie hat da recht) und ab zu einer Location, die ich ganz frisch auf Teneriffa entdeckt habe. Eine kleine Schlucht, direkt neben der Autobahn TF1. Klingt erst mal so romantisch wie ein Rastplatz bei Kassel. Aber wenn Sie da stehen, zwischen den Kakteen und den Vulkansteinen, mit diesen hohen Gräsern, die sich im Wind bewegen, dann denken Sie nicht mehr an die Autobahn. Dann denken Sie an Arizona. Oder an einen Sergio-Leone-Film. Jedenfalls nicht an die TF1.
Ich packe meinen Sunbounce-Reflektor aus, den mit der Zebra-Beschichtung. So hat man das in den 90ern gemacht, und die kommen ja bekanntlich in allem zurück. Ein bisschen Aufhellung von unten ins Gesicht. Mehr fürs Gefühl als tatsächlich fürs Bild, wenn ich ehrlich bin. Dann noch lächeln. Was bei mir ungefähr so spontan wirkt wie bei einem Passbild-Automaten, aber man gibt sein Bestes.
Und damit ist es vollbracht. Endlich sehen Sie mich wieder so, wie ich aktuell wirklich aussehe. Nicht drei Jahre und sieben Monate jünger, nicht durch irgendeinen Weichzeichner geschönt, nicht von einem besonders schmeichelhaften Winkel profitierend. Einfach ich, vor einer Schlucht an einer Autobahn, mit einem gebügelten T-Shirt und einem Reflektor aus den 90ern.
