Zwischen mir und den Models liegen meist nur zwanzig Jahre, aber diese zwei Jahrzehnte markieren einen der größten gesellschaftlichen Umbrüche der jüngeren Geschichte. Ich bin noch mit Festnetztelefon und handgeschriebenen Briefen aufgewachsen, meine Models kennen diese Welt nur aus Erzählungen. Sie sind Expertinnen einer neuen Ökonomie der Aufmerksamkeit.
Was mich dabei immer wieder fasziniert: Diese jungen Menschen haben ein völlig anderes Verständnis von Nähe und Distanz entwickelt. Während wir früher klar zwischen "echten" Freundschaften und geschäftlichen Beziehungen unterschieden, verschwimmen diese Grenzen heute komplett. Ihre Fans kaufen nicht einfach nur Bilder oder Videos — sie kaufen Zeit, Aufmerksamkeit, das Gefühl von Verbundenheit.
Streaming
Das Streaming hat dabei eine ganz neue Form der Erwerbstätigkeit geschaffen. Die Models, die zu mir kommen, verdienen oft mehr mit virtuellen Gesprächen als mit klassischen Fotoshootings. Sie verkaufen professionalisierte Freundschaft, authentisch inszenierte Nähe. Ein Wirtschaftszweig, von dem die meisten Menschen meiner Generation nicht einmal wissen, dass es ihn gibt.
Die Mechanismen dahinter sind erstaunlich vielfältig: Da gibt es monatliche Abonnements für exklusive Inhalte, direkte Geldgeschenke während der Streams, genannt "Donations", bezahlte Einzelgespräche und virtuelle Güter, die Fans ihren Lieblings-Streamern schenken können. Dazu kommen Sponsoring-Deals und Merchandise-Verkäufe. Alles basiert auf regelmäßiger Präsenz, direkter Kommunikation mit den Zuschauern und dem Aufbau einer loyalen Community.
Die Verdienstmöglichkeiten in dieser digitalen Welt sind bemerkenswert: Erfolgreiche Content Creator verdienen mehr als Ärzte oder Anwälte. Allerdings gleicht die Einkommensverteilung einer steilen Pyramide — während wenige an der Spitze sechsstellige Monatsbeträge generieren, kämpft die breite Masse der Streaming-Newcomer um jeden Zuschauer und jeden Euro.
So entstehen zwei parallele Welten: In der einen treffe ich die Models zu klassischen Fotoshootings, fokussiert auf den perfekten Moment. In der anderen verwandeln sie diese Bilder in digitale Währung, streamen stundenlang aus ihrem Alltag und bauen parasoziale Beziehungen zu Menschen auf, die sie nie persönlich treffen werden. Die eine Welt kennt noch Feierabend und klare Grenzen zwischen privat und öffentlich, die andere ist ein endloser Strom von Content und Interaktion.
Das Titelbild dient nur Illutrationszwecken. In diesem Artikel geht es nicht um Zu.