Fünfzehn Stunden später ist der Beitrag weg. Mit einer Begründung, die es in sich hat:
Das Foto kann veranlassen, dass sexuelle Handlungen vermittelt werden oder dass dazu aufgefordert wird.
Ich lese diesen Satz dreimal, weil ich denke, ich hätte etwas überlesen. Aber nein, da steht tatsächlich, dass mein Geburtstagsgruß an ein professionelles Fotomodell eine Aufforderung zu sexuellen Handlungen darstellen soll. Welche Handlungen genau? Mit wem? Und vor allem: Wie kommt ein Algorithmus (oder ein hysterischer Content-Moderator in Manila) auf diese Idee?
Ich habe mich bei meinen letzten Produktionen extra bemüht, auch bekleidete Aufnahmen zu machen. Nicht, weil ich sie künstlerisch spannender finde, sondern weil ich dachte: Wenn ich schon auf diesen Plattformen unterwegs sein muss, dann produziere ich eben Material, das den ominösen Gemeinschaftsrichtlinien entspricht. Dass ein Aktfotograf auch Fotos in Unterwäsche macht, klingt erst mal lächerlich, aber so ist die Realität im Jahr 2026. Man passt sich an. Man kuschelt. Man hofft.
Das Perverse an der Sache ist nicht nur die Willkür, sondern auch die Heuchelei. Zeitgleich laufen auf Instagram Werbekampagnen für Dessous-Hersteller, bei denen deutlich mehr Haut zu sehen ist. Models räkeln sich in Strings auf King-Size-Betten, schauen verführerisch in die Kamera, und niemand löscht das. Warum? Weil es bezahlte Werbung ist. Weil da Geld fließt. Mein Geburtstagsgruß dagegen ist kostenloser Content, also Freiwild für jeden Algorithmus, der gerade Lust hat, sich wichtig zu machen.
Nachdem mein Beitrag verschwunden war, schrieb ich kurz in meiner Story darüber. Nichts Dramatisches, nur ein Satz. Innerhalb weniger Stunden bekam ich über fünfzehn Nachrichten. Von Fotografen, Models, anderen Kreativen. Alle mit derselben Aussage: Ja, kennen wir. Ja, ist uns auch passiert. Ja, deshalb posten wir selbst kaum noch etwas. Und dann der Nachsatz, der mich am meisten ärgert: Aber alle sind ja hier auf Instagram, deshalb bleibt man.
Diese Resignation macht mich wütender als die Zensur selbst.
Wir reden hier von einem Grundrecht. Meinungsfreiheit. Verankertes Menschenrecht. Aber weil ein privatwirtschaftlicher Konzern beschlossen hat, dass ein Foto einer Frau in Unterwäsche "sexuelle Handlungen vermitteln" könnte, wird es gelöscht. Und weil dieser Konzern ein faktisches Monopol auf visuelle Kommunikation im Internet hat, schlucken wir das. Wir ärgern uns kurz, schreiben vielleicht eine empörte Nachricht an den Support (die nie beantwortet wird), und machen dann weiter wie bisher.
Ich poste mittlerweile fast nichts mehr auf Facebook und Instagram. Das ist meine persönliche Reaktion auf diese Entwicklung. Aber gleichzeitig weiß ich, dass das keine Lösung ist, sondern nur eine individuelle Kapitulation. Denn solange niemand laut wird, solange diese Vorfälle nicht dokumentiert werden, bleibt alles beim Alten. Die Algorithmen werden nicht transparenter, die Richtlinien nicht nachvollziehbarer, und die Willkür nicht geringer.
Deshalb schreibe ich diesen Text. Nicht, weil ich glaube, dass sich morgen etwas ändert. Sondern weil Schweigen bedeutet, dass man akzeptiert. Und das tue ich nicht! Ein Geburtstagsgruß ist kein Sexualdelikt. Ein Foto in Unterwäsche ist keine Pornografie. Und ein Konzern, der beides gleichsetzt, hat ein Problem mit seiner eigenen Moral, nicht mit meinen Bildern.
Was mich zusätzlich beunruhigt: Während Meta krampfhaft versucht, den weiblichen Körper zu regulieren (außer er bringt Werbeeinnahmen), tobt auf anderen Plattformen die totale Enthemmung. Auf X wird gerade die hauseigene KI Grok dazu benutzt, Frauen digital in "Donut Glaze" oder "Baby Oil" zu hüllen, was dann aussieht, als wären sie vollgewichst worden. Merkwürdige Trends, die zeigen, dass wir uns irgendwo zwischen viktorianischer Prüderie und digitaler Degeneration bewegen, ohne einen Mittelweg zu finden.
Aber mein Geburtstagsgruß war leider kein Einzelfall.
