Aber mein erstes Halbjahr 2025 war ein totales Desaster.
Die Knieprobleme kamen zurück. Und nicht nur ein bisschen Knieweh, sondern richtig. Zwischenzeitlich konnte ich gar nicht mehr laufen. Es folgten mehr Arztbesuche als in den zehn Jahren zuvor zusammen. Ich wurde zum Wartezimmer-Dauergast. Immerhin sitzen beim Orthopäden keine hustenden Bakterienschleudern herum.
Aus den Lautsprechern ertönt leise Klaviermusik. Meine Gedanken kreisen. Das Warten bin ich inzwischen gewohnt. Ich denke darüber nach, wie damals (ich muss so 14 gewesen sein) mein Klavierlehrer mit mir Schluss gemacht hat. Ich komme nach rund zwei Jahren Unterricht zu ihm, reiche ihm brav seine 10 Mark am Ende der Stunde, und er sagt trocken: "Das war heute Deine letzte Klavierstunde." Ich, plötzlich entlassen. Noch heute muss ich darüber lachen. Ich war einfach nicht gut genug, sein Talent ihm zu schade, mir weiter verzweifelt zu versuchen, Klavier spielen beizubringen.
Meine Gedanken schweifen weiter. Irgendwann denke ich darüber nach, wie wohl die Redaktionssitzung bei MTV war, als der Programmdirektor seine Neuigkeiten verkündete: "Hört mal zu, liebe Leute, ab sofort bringen wir abends keine Musikvideos mehr, sondern senden einfach nur noch Spongebob. Das finde ich total lustig. Das ziehen wir jetzt einfach durch". Wie muss das wohl gewesen sein?
Dann lenkt mich meine Sitznachbarin ab. Denn ständig blinkt irgendwas auf ihrem Smartphone. Wie süchtig klebt sie am Display. Ich rechne. Wenn man vier Stunden pro Tag auf TikTok oder Instagram verbringt, bleiben von einer 7 Tage Woche nur 6 Tage übrig. Einen ganzen Tag hat man dann nur verdaddelt. Irre.
Mir kommt das Wort "Happy Place" in den Kopf. Ich fand es schön, als kürzlich jemand erzählte, die Karaoke-Bar sei sein Happy Place und gerade als ich mich frage, ob ich auch einen Happy Place habe, werde ich aufgerufen.
Im Juli habe ich das Zepter in die Hand genommen. Beschlossen, dass ich wieder gesund werde. Dass ich mich komplett heile. Ich habe meine Ernährung massiv umgestellt (Gemüse, Gemüse, Gemüse) und 10 Kilo abgenommen. Als mein Friseur fragte, ob ich die Abnehmspritze nehme, musste ich lachen. Nein, ich lebe jetzt mega gesund. Zucker habe ich ohnehin schon länger verbannt, genauso wie Alkohol. Aber weil das hier kein Gesundheitsblog ist, spare ich Ihnen die Details. Nur so viel: Mein neues Ich fühlt sich verdammt gut an.
Aber genug vom Gemüse-Gospel. Die zweite Jahreshälfte hatte es in sich, im positiven Sinne. Endlich wieder richtig arbeiten können!
Katherine vor der Kamera war wie ein Reset-Knopf für meine kreative Seele. Sie hat mich so begeistert, dass wir spontan Teneriffa ins Spiel brachten.
2026 werde ich sie dort fotografieren und ich freue mich darauf.
Und dann Aleksandra. Wir haben uns kaputtgelacht. Sie hat sich tatsächlich einen Penis auf die Fußsohle tätowieren lassen. Ich meine, wer macht sowas? "Damit ich immer weiß, worauf ich stehe", meinte sie trocken. Ich musste die Kamera absetzen vor Lachen.
Weil das Jahr mich vorher so ausgebremst hatte, habe ich im Herbst richtig Gas gegeben. Vier Models, drei Wochen Fuerteventura. Was kann schon schiefgehen? Alles, wie sich herausstellte. Um 4 Uhr morgens explodierte der Kühlschrank. Nicht metaphorisch, sondern mit echtem Knall und Blitz.
Die Kakerlaken interpretierten das als Einladung zur Hausbesichtigung.
Mein spanischer Nachbar, ich taufe ihn mal Antonio, schaffte locker 40.000 Worte am Tag. Die schiere Anzahl wäre erträglich gewesen, hätte er nicht jedes einzelne davon geschrien. Nach drei Nächten wusste ich mehr über ihn als mir lieb war. Sogar den Zyklus seiner Frau kannte ich inzwischen, denn nur dann herrschte nebenan mal Waffenruhe im Schlafzimmer.
Die Karaoke-Bar gegenüber wurde zu meinem persönlichen Vorhof zur Hölle. Besoffene Touristen grölten "The Power of Love" in Dauerschleife. Mein Happy Place? Definitiv woanders.
Trotzdem: 1 TB Bildmaterial. Kurze Hosen, Sonnenschein, vier völlig unterschiedliche Charaktere vor der Kamera. Eine ist extrem schüchtern und möchte von Fremden auch nicht aus der Ferne gesehen werden, die andere läuft nackt zum Bäcker (okay, das ist übertrieben, aber Sie verstehen, was ich meine).
Eine macht nichts ohne meine Anweisungen, die andere hasst es, wenn ich zu viel rede. Nach 15 Jahren in diesem Job überrascht es mich selbst noch, wie gut ich inzwischen darin bin, mich auf jeden Typ einzustellen.
Wie ein Chamäleon, nur mit Kamera.
Jedes Jahr dieselbe Gegend, aber bitte keine Wiederholungen. Das ist die Challenge. Klar, die Models stehen im Mittelpunkt, ihre Schönheit ist der Star, nicht mein fotografisches Getue. Trotzdem schleppe ich jedes Mal einen halben Kostümverleih mit nach Fuerteventura. Die Cowboy-Boots allein haben dieses Jahr gefühlt mehr gewogen als meine eigenen Klamotten.
Ich bin immer ein paar Tage vor den Models da, kurve mit dem Mietwagen durch die Gegend und scoute neue Locations. Manchmal entdecke ich Orte, die drei Meter von der Hauptstraße entfernt liegen und trotzdem aussehen wie aus einem anderen Universum.
Im November ist es zu frisch für die heilige Golden Hour, Sie wissen schon, diese magische Zeit, wenn Fotografen feuchte Augen bekommen. Ich arbeite stattdessen in der knallharten Mittagssonne. Blasphemie, ich weiß. Kollegen würden mich steinigen. Aber es funktioniert, versprochen. Das perfekte Licht erlebe ich dann trotzdem, nämlich wenn ich die Models abends nach Hause fahre. Vollmond, leere Straßen, und mein Fotografenherz blutet ein bisschen, weil ich diese Momente nur durch die Windschutzscheibe erlebe statt durch den Sucher.
Am freien Tag stolperte ich über ein Weihnachtsdorf mitten auf Fuerteventura. 27 Grad, Palmen, und mittendrin ein 25 Meter hoher Weihnachtsbaum aus gehäkelten Granny Squares. Hunderte bunte Quadrate, von Omas (und vermutlich auch ein paar Opas) liebevoll zusammengehäkelt. Surreal und wunderbar zugleich. Wie dieses ganze verrückte Jahr.
Vielen Dank für Ihre Unterstützung, ob durch Bücher, Kalender oder als treue Patreon-Mitglieder. Ohne Sie würde ich vermutlich immer noch im Wartezimmer sitzen und über gescheiterten Klavierunterricht nachdenken.
Rutschen Sie gut rüber!
