Der Geschmack des Betrachters

Der Geschmack des Betrachters

Seit Tagen beschäftigt mich eine Nachricht. "Die Kontraste sind falsch", schreibt mir jemand. Einfach so. Vier Worte, die mich ins Grübeln bringen. Nicht weil ich an meiner Arbeit zweifle, sondern weil sie so viel aussagen über unser Verständnis von Kunst.

Lesezeit: 2 Min.

Unlängst saß ich wieder stundenlang an der Bearbeitung meiner Bilder. Wie ein Koch, der die letzte Geschmacksnote herauskitzeln will, drehe ich an den Reglern. Ein Hauch mehr Kontrast hier, etwas weniger Sättigung dort. Bis sich das Foto für mich stimmig anfühlt, bis es die Stimmung transportiert, die ich beim Auslösen gefühlt habe. Oder manchmal auch eine ganz andere — weil ich als Künstler diese Freiheit habe.

Dann kam die Nachricht: "Die Kontraste sind falsch, ich bin enttäuscht." Was für eine interessante Aussage, wenn man darüber nachdenkt. Falsche Kontraste? In der Mathematik gibt es falsch: Zwei plus zwei ist nun mal nicht fünf. Aber in der Kunst?

Stellen Sie sich zwei Fotografen vor, die nebeneinander stehen. Gleicher Moment, gleiche Szene. Und doch werden sie zwei völlig unterschiedliche Bilder erschaffen. Der eine mag es hell und luftig, der andere dunkel und mystisch. Wer hat Recht? Beide natürlich. Oder keiner. Je nachdem, wen Sie fragen.

Zugegeben, negative Kritik trifft mich mehr, als mir manchmal lieb ist. Da liege ich nachts wach und grüble. Warum? Weil wir uns alle nach Anerkennung sehnen. Ein kleiner Daumen nach oben, und unser Belohnungszentrum tanzt Samba. Aber genau das ist die Falle: Wenn wir uns zu sehr nach dem Geschmack anderer richten, verlieren wir uns selbst.

Natürlich gibt es Regeln in der Fotografie. Wenn ich für den Playboy arbeite, kann ich nicht plötzlich alle Bilder in Schwarz-Weiß abgeben, nur weil ich gerade meine minimalistische Phase habe. Aber in der freien künstlerischen Arbeit? Da ist heute zum Glück alles erlaubt. Unterbelichtet, überbelichtet, verschwommen oder gestochen scharf — es sind bewusste Entscheidungen, keine Fehler.

Also schreibe ich mir die Kritik von der Seele, atme tief durch und mache weiter. Denn eines habe ich gelernt: Der wahre Fehler wäre, es allen recht machen zu wollen. Dann hätten wir nur noch Einheitsbrei. Und mal ehrlich: Wer will das schon?

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