Liebe Modelle,
ich muss da mal was loswerden. In den letzten Monaten beobachte ich einen Trend, der mich als Fotografen ratlos zurücklässt. Vielleicht habe ich ja den entscheidenden TikTok-Moment verschlafen oder bin einfach nicht mehr en vogue genug für die neuesten Posing-Trends. Aber was ihr da tut, bringt mich gerade an den Rand der fotografischen Verzweiflung.
Die Rede ist von dieser neuen Lieblingshaltung: Kopf in den Nacken werfen, als hätte man gerade eine erschreckende Entdeckung am Himmel gemacht. Was dabei entsteht, ist eine anatomische Meisterleistung — allerdings keine besonders fotogene. Ich sehe einen endlos gestreckten Hals, gekrönt von einem prominent hervortretenden Kinn, das wie der Bug eines Kreuzfahrtschiffs das Bild dominiert.
Je nach Perspektive gewährt ihr mir auch noch einen großzügigen Einblick in eure Nasenhöhlen. Und glaubt mir, selbst mit jahrelanger Erfahrung und teuerstem Equipment — Nasenlöcher bleiben Nasenlöcher. Oder schlimmer noch: sie sehen aus wie eine Doppelsteckdose aus den 70ern.
Ihr verharrt in dieser Position mit der Ausdauer eines Straßenkünstlers, der als lebende Statue arbeitet. Wartet auf das erlösende Klicken meiner Kamera. Aber ich kann einfach nicht. Ich umkreise euch wie ein Naturfotograf auf der Suche nach dem perfekten Moment, aber dieser Moment wird nicht kommen. Es ist, als würde man versuchen, einen Gartenzwerg von seiner Schokoladenseite zu fotografieren. Es gibt sie einfach nicht.
Das Ganze erinnert mich an meinen Neffen Kevin (echter Name ist dem Redakteur bekannt), der mir neulich unbedingt seinen "mega-krassen" Backflip zeigen wollte. Was folgte, war eine Art interpretative Bewegungskunst, die entfernt an einen Purzelbaum erinnerte — wenn man beide Augen zudrückt und sehr wohlwollend ist.
Mal im Ernst: Die Situation ist gar nicht so einfach zu händeln. Als Fotograf bin ich zutiefst dankbar für jedes Modell, das sich eigenständig vor der Kamera bewegt und nicht darauf wartet, dass ich jede Pose ausführlich erkläre oder — Gott bewahre — vorturne. Niemand will einen schnaufenden Fotografen sehen, der versucht, elegant, anmutig und sexy auszusehen. Was mir nämlich bestimmt nicht gelingen mag. Beschweren möchte ich mich auch nicht, denn nichts killt die Stimmung beim Shooting schneller als ein nörgelnder Fotograf.