Der große Kopf-in-den-Nacken-Trend

Der große Kopf-in-den-Nacken-Trend

Als Fotograf erlebt man so einiges vor der Linse. Doch der neueste Posing-Trend bringt selbst erfahrene Profis an ihre Grenzen. Eine Geschichte über gestreckte Hälse, dominante Kinne und die ewige Suche nach dem perfekten Shot.

Lesezeit: 3 Min.

Liebe Modelle,

ich muss da mal was loswerden. In den letzten Monaten beobachte ich einen Trend, der mich als Fotografen ratlos zurücklässt. Vielleicht habe ich ja den ent­scheidenden TikTok-Moment verschlafen oder bin einfach nicht mehr en vogue genug für die neuesten Posing-Trends. Aber was ihr da tut, bringt mich gerade an den Rand der fotografischen Verzweiflung.

exemplarisch, um diese Pose geht es

Die Rede ist von dieser neuen Lieblings­haltung: Kopf in den Nacken werfen, als hätte man gerade eine erschreckende Entdeckung am Himmel gemacht. Was dabei entsteht, ist eine anatomische Meister­leistung — allerdings keine besonders fotogene. Ich sehe einen endlos gestreckten Hals, gekrönt von einem prominent hervor­tretenden Kinn, das wie der Bug eines Kreuz­fahrt­schiffs das Bild dominiert.

Je nach Perspektive gewährt ihr mir auch noch einen großzügigen Einblick in eure Nasen­höhlen. Und glaubt mir, selbst mit jahre­langer Erfahrung und teuerstem Equipment — Nasen­löcher bleiben Nase­nlöcher. Oder schlimmer noch: sie sehen aus wie eine Doppel­steck­dose aus den 70ern.

Ihr verharrt in dieser Position mit der Ausdauer eines Straßen­künstlers, der als lebende Statue arbeitet. Wartet auf das erlösende Klicken meiner Kamera. Aber ich kann einfach nicht. Ich umkreise euch wie ein Naturfotograf auf der Suche nach dem perfekten Moment, aber dieser Moment wird nicht kommen. Es ist, als würde man versuchen, einen Gartenzwerg von seiner Schokoladen­seite zu fotografieren. Es gibt sie einfach nicht.

… und schon wieder

Das Ganze erinnert mich an meinen Neffen Kevin (echter Name ist dem Redakteur bekannt), der mir neulich unbedingt seinen "mega-krassen" Back­flip zeigen wollte. Was folgte, war eine Art inter­pretative Bewegungs­kunst, die entfernt an einen Purzel­baum erinnerte — wenn man beide Augen zudrückt und sehr wohlwollend ist.

Mal im Ernst: Die Situation ist gar nicht so einfach zu händeln. Als Fotograf bin ich zutiefst dankbar für jedes Modell, das sich eigenständig vor der Kamera bewegt und nicht darauf wartet, dass ich jede Pose ausführlich erkläre oder — Gott bewahre — vorturne. Niemand will einen schnaufenden Fotografen sehen, der versucht, elegant, anmutig und sexy auszusehen. Was mir nämlich bestimmt nicht gelingen mag. Beschweren möchte ich mich auch nicht, denn nichts killt die Stimmung beim Shooting schneller als ein nörgelnder Fotograf.

Vielleicht sollten wir einen Deal machen: Ihr behaltet eure wunderbare Spontaneität und euer Gespür für Posen bei — und ich verspreche, dezent damit umzugehen, wenn ihr mal wieder eine himmlische Erscheinung über meinem Kopf zu erspähen glaubt. Lasst uns gemeinsam den goldenen Mittel­weg zwischen ausdrucksstarker Pose und fotogener Haltung finden. Am Ende wollen wir ja alle dasselbe: groß­artige Bilder, auf denen ihr mindestens so gut ausseht wie ein Gartenzwerg von seiner Schokoladenseite.

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