Der perfekte Moment braucht keine Millisekunden

Der perfekte Moment braucht keine Millisekunden

Gestern erwischte ich mich dabei, wie ich mit der Maus auf eine grüne Fläche klickte. Immer und immer wieder. Nicht etwa, weil ich einen neuen Bildbear­beitungs-Trend entdeckt hätte, sondern weil ich meiner Reaktions­zeit auf den Grund gehen wollte. Das Ergebnis? Ernüch­ternd. 310 Milli­sekunden im Durch­schnitt, Tendenz steigend.

Lesezeit: 3 Min.

Mit 49 Jahren fängt man unweiger­lich an, sich Gedanken über solche Dinge zu machen. Die grauen Haare? Geschenkt. Die Lese­brille beim Blick auf den Bild­schirm? Damit kann ich leben. Aber was, wenn die Reflexe nach­lassen und ich die ent­schei­denden Momente verpasse?

Die gute Nachricht vorweg: Die Wissen­schaft bestätigt zwar, dass unsere Reaktions­zeit ab 20 Jahren jährlich um ein paar Milli­sekunden nachlässt. Aber mal ehrlich, wer braucht schon Milli­sekunden, wenn er Momente einfangen will?

Früher dachte ich, ein guter Fotograf wäre einfach der schnellste am Auslöser. Als würde der magische Moment wie ein scheues Reh vorbei­huschen und man müsste blitz­schnell reagieren. Heute weiß ich: Die wahre Kunst liegt oft im gedul­digen Warten, bis sich der richtige Moment über­haupt ent­wickelt. Ob ich dann eine Sekunde früher oder später auslöse? Geschenkt.

In all den Jahren hinter der Kamera habe ich bemerkt: Der beste Shot ist selten der schnellste. Während manche Kollegen hektisch auf den Auslöser häm­mern, warte ich entspannt auf exakt jenen Augen­blick, den ich schon vor seinem Ent­stehen gesehen habe. Nennen Sie es Intuition, Er­fahrung oder einfach nur gut getimtes Nichtstun.

Die schönsten Momente? Das sind für mich die echten. Die, in denen das Model die Kamera komplett ver­gessen hat und einfach nur sie selbst ist.

Wie im Kino, wenn ein Schau­spieler so tief in seiner Rolle verschwindet, dass wir keine gespielte Figur mehr sehen, sondern nur noch pure Authen­tizität. Ob es wirklich echt ist oder nicht, spielt keine Rolle — es muss einfach glaub­würdig sein.

Lustig auch, wie unter­schiedlich Menschen an das Thema heran­gehen. Manche schwören auf ihre 20-Bilder-pro-Sekunde-Kameras. Ich hingegen verlasse mich lieber auf meine innere Uhr, die mir ziemlich genau sagt, wann der Moment reif ist. Wann ich ihn fühle. Manch­mal komme ich mir dabei vor wie ein alter Wetter­frosch, der den Regen schon spürt, bevor die erste Wolke am Himmel erscheint. Und manch­mal verpasse ich den richtigen Moment und sage dann hektisch zum Model: "Nicht bewegen, nicht bewegen."

Was ist jetzt mit der Reaktions­zeit? Sollte sie trainiert werden? Ist sie wichtig? Ich glaube schon: Gute Reflexe braucht man als Foto­graf auf jeden Fall. Und man muss wach sein. Das heißt, körperlich aktiv bleiben und sich gesund er­nähren. Und gute Bilder entstehen sowieso erst dann, wenn man aufhört, über Reaktions­zeiten nachzudenken.

Den Reaktionstest habe ich dennoch behalten. Für Sie, liebe Leser. Testen Sie selbst Ihre Reaktions­zeit und versuchen Sie, meine Best­zeit von 272ms zu knacken. Ein doppelter Espresso vorher könnte helfen, aber ich über­nehme keine Garantie für zittrige Hände.

Reaktionstest

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