Format-Akrobatik

Format-Akrobatik

Als Fotograf träume ich von großen Bildern. Von Fotos, die atmen können. Doch dann meldet sich die Layout-Abteilung, und plötzlich muss das fotografische Meisterwerk in ein Korsett gezwängt werden, das so gar nicht seiner natürlichen Form entspricht.

Lesezeit: 4 Min.

Wissen Sie, meine Sony ist ja eigentlich ein kleines Wunder­werk der Anpassungs­fähigkeit. Sie bietet mir 2:3, 3:4, 1:1 und für die Video­fans unter uns sogar 16:9 an. Ein beeindruckendes Arsenal an Möglich­keiten, sollte man meinen. Aber aus­gerechnet die Formate, die später für den Druck relevant werden, sucht man vergeblich.

Ein kleiner Plausch zwischen den Kamera­herstellern und den Ver­lagen hätte hier vermutlich Wunder gewirkt. Aber nein, das wäre ja zu einfach gewesen.

Lassen Sie mich kurz in die Welt der deutschen Gründ­lichkeit entführen: Das DIN A4-Format, diese präzisen 210 × 297 millimeter, hat tatsächlich eine fast philosophische Entstehungs­geschichte. 1922 hatte ein gewisser Dr. Walter Porstmann eine ziemlich pfiffige Idee. Er wollte ein Papier­format entwickeln, das beim Halbieren sein Seiten­verhältnis beibehält. Das Ergebnis? Das berühmte Wurzel-2-Verhältnis (1:√2).

Der Ursprung dieses mathematischen Kunst­werks ist das Format A0 mit exakt einem Quadrat­meter Fläche (841 × 1189 mm). Durch wieder­holtes Halbieren entlang der längeren Seite entstehen die weiteren Formate. Ein System, das sich weltweit durch­gesetzt hat. Nun ja, fast. Die USA und Kanada spielen nicht mit. Sie bevorzugen ihr Letter-Format (216 × 279 mm), das etwas breiter und weniger hoch ist als unser A4.

In meiner Welt als Fotograf für den Playboy dreht sich alles um das Format 213 × 275 mm. Das klingt zunächst nicht dramatisch anders als 2:3 oder 3:4, aber diese kleinen Unter­schiede haben es in sich. Selbst 3:4 schießt immer noch deutlich höher. Bei der Bild­komposition in der Kamera hilft mir das ehrlich gesagt gar nicht.

Klar, das Magazinformat 213 × 275 mm ist perfekt durchdacht für Standard-Druckbögen (70 × 100 cm oder 64 × 88 cm). Minimaler Verschnitt, maximale Effizienz. Aber für mich bedeutet es, dass ich schon beim Fotografieren aufpassen muss. Im Hochformat wird der Unter­schied zwischen dem 3:2-Format meines Kamera­sensors und dem Magazin­format besonders deutlich.

Anders knifflig wird es bei Doppel­seiten. Da braucht es schon beim Shooting den richtigen Riecher dafür, dass später keine wichtigen Details im Falz ver­schwinden. Und glauben Sie mir, bei meiner Arbeit sind diese Details oft ziemlich "essentiell". Ein Auge, das im Falz ver­schwindet, ist ärgerlich. Abere andere ana­tomische Highlights zu knicken, ist schlichtweg inakzep­tabel. Wenigstens weicht das Quer­format nur um rund 3% vom Seiten­verhältnis 3:2 ab. Das heißt, hier brauche ich nur ein bisschen Luft beim Foto­grafieren lassen.

Das musst Du mir wirklich nicht erklären.

Zugegeben, das Thema wird jetzt etwas nerdig. Als ich meiner Frau von diesen Format-Überlegungen erzählte, war ihre Antwort eindeutig: "Das musst Du mir wirklich nicht erklären." Vielleicht hat sie Recht. Aber für alle Format-Enthusiasten unter uns geht es hier trotzdem weiter.

Was haben wir bisher gelernt? Es gibt eine erstaunliche Vielfalt an Seiten­verhält­nissen, die in der Praxis gebraucht werden. Und dann gibt es Kamera-Hersteller, die es leider versäumt haben, diese — sei es als Hilfs­linien oder direkt als Anzeige-Crop im Sucher — praktikabel umzusetzen.

Dabei wäre es doch eine Kleinig­keit, genau das zu tun. Und genau das nervt mich.

Denn meist weiß ich beim Fotografieren sehr genau, für welchen Einsatz­zweck ich die Bilder mache. Bei meinen Bild­bänden passte übrigens auch weder 2:3 noch 3:4. Also, liebe Kamera­hersteller, hallo Sony, warum kann ich das Seiten­verhältnis nicht einfach selbst einstellen?

Kürzlich kam mir noch ein interessanter Gedanke, als ich meinen Kalender im DIN A3-Format betrachtete. Was Dr. Porstmanns Erfindung so besonders macht: Das Seiten­verhältnis bleibt konstant, egal ob Hoch- oder Querformat.

Im Sucher der Kamera könnte also ein einziges Verhältnis beibehalten werden, unab­hängig von der Aus­richtung. Wie genial wäre das? Damit sticht dieses Format die anderen — wie das des Playboys oder meines Bild­bands — eindeutig aus.

Ein Hoch aufs DIN-Format!

Genug der Theorie. Damit Sie selbst ein Gefühl für diese Format-Akrobatik bekommen, habe ich unten ein Browser-basiertes Tool eingebaut. Spielen Sie nach Herzenslust mit den Formaten und Ihren eigenen Bildern. Keine Sorge, Ihre Daten bleiben dabei die ganze Zeit sicher auf Ihrem Rechner.

Format Akrobatik

Wählen Sie ein Seitenverhältnis aus und verschieben Sie den Ausschnitt (einschließlich Beschnittzugabe), um das in diesem Artikel erwähnte „First World Problem“ zu verstehen. Sie können unten mit Ihrem eigenen Foto herumspielen. Dieses Tool funktioniert nur in Desktop-Browsern.

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