Das digitale Hamsterrad dreht zu schnell

Das digitale Hamsterrad dreht zu schnell

Es ist kurz nach Mitternacht und ich sitze mit dem MacBook im Bett. Klingt nach einem dieser Momente, wo man sich selbst beim Denken zusieht, oder? Dabei bin ich eigentlich kein Typ für nächtliche Grübeleien. Aber manchmal, da muss es raus. Dieses diffuse Gefühl, dass mir die Welt gerade zwischen den Fingern hindurchrutscht. Als würde jemand die Abspielgeschwindigkeit auf 1,5x gestellt haben, während ich noch versuche, bei normaler Geschwindigkeit mitzukommen.

Lesezeit: 4 Min.

Haben Sie sich auch schon einmal gefragt, wann genau die Welt so irrsinnig schnell geworden ist? Ich meine, ich bin Jahrgang '76, kein Dinosaurier. Trotzdem komme ich mir manchmal vor wie ein analoger Mensch in einer digitalen Welt, die sich scheinbar immer schneller dreht.

TikTok. Allein das Wort. Früher war das der Sound einer Uhr, heute ist es der Soundtrack einer ganzen Generation. Und ich? Ich verstehe es schlicht nicht. Da sitzen erwachsene Menschen, vermutlich auch einige von Ihnen, und ziehen sich freiwillig diese willkürlichen Video-Häppchen rein. Zehn Sekunden hier, fünfzehn dort. Ein endloser Strom aus, verzeihen Sie, digitalem Müll. Früher lief sowas vielleicht auf Super RTL als Füller. Man schaute es nur, wenn man mit 39 Grad Fieber im Bett lag und selbst das Umschalten zu anstrengend war. Es war Schrott. Und es ist Schrott geblieben. Nur dass heutzutage danach gesüchtelt wird. Ich komme da nicht mit.

Wissen Sie, was mich nach wie vor irritiert? Diese romantische Vorstellung von Evolution, die ich mal hatte. Dieses naive "Es wird immer besser". Der Mensch entwickelt sich weiter, verbessert seine Umstände, schafft sich ein besseres Leben. Pustekuchen. Wir haben uns Werkzeuge geschaffen, die uns beherrschen. Tägliche Updates auf allen System. Wir müssen die Akkus verschiendster Geräte ständig laden. Das soll Fortschritt sein?

Dazu hat die Reizüberflutung ein Ausmaß erreicht, bei dem ich mich frage, ob ich der einzige bin, der noch merkt, dass wir alle kollektiv durchdrehen. Texte werden nur noch gescannt, nicht gelesen. Bei E-Mails über zehn Zeilen kriegen die Leute schon Schnappatmung. Und bei WhatsApp? Da verschickt man kryptische Emojis wie moderne Höhlenmaler. Daumen hoch, Aubergine, Feuerwerk, fertig ist die Konversation. Ist das nicht eigentlich eine kommunikative Rückentwicklung? Von Goethe zu Grunzlauten in nur drei Generationen.

Aufmerksamkeitsspannen, die kürzer sind als meine Belichtungszeiten bei Bewegtaufnahmen.

Der Witz an der Sache: Die meisten wollen gar nicht mehr kommunizieren. Die wollen senden. Broadcast statt Dialog. Jeder sendet, erwartet aber Empfänger. Das kann nicht funktionieren.

Und ich? Ich bin Teil des Problems geworden. Mein Output hat sich in den letzten 15 Jahren bestimmt verzehnfacht. Verzehnfacht! Wo ich früher zwei Wochen an einer Bildstrecke gefeilt habe, bis 20 perfekte Fotos entstanden und an der Reihenfolge stundenlang gefeilt habe, da produziere ich heute im Akkord. Nicht, weil ich es will. Sondern, weil die Budgets schrumpfen. Und ich dadurch im Alltagsgeschäft dazu gewzungen bin, mich anzupassen.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich stecke immer noch sehr viel Herzblut in jedes einzelne Bild. Ich kann nicht anders. Aber die schiere Masse? Die nagt an mir. Es ist wie beim Sternekoch, der plötzlich Kantinenfraß in Großküchentempo produzieren muss. Das Handwerk ist noch da, aber die Seele, die leidet.

Manchmal, wenn ich nachts wach liege, wie jetzt gerade, dann frage ich mich, wo das noch hinführt. Diese Beschleunigung, diese Oberflächlichkeit, dieser ewige Hunger nach mehr Content, mehr Input, mehr von allem. Werden wir irgendwann bei einer Aufmerksamkeitsspanne von null ankommen? Ist dann womöglich schon der Gedanke an einen Gedanken zu lang?

Das Schräge dabei ist: Ich sehe es, ich erkenne es, ich leide darunter, und trotzdem mache ich mit. Weil die Alternative wäre, von diesem rasenden Karussell abzuspringen. Und dann? Dann stehe ich auch dumm da, während die Welt sich ohne mich weiterdreht.

Also mache ich weiter. Produziere meine Bilder, versuche dabei so viel Qualität wie möglich zu retten. Und hoffe insgeheim, dass irgendwann mal jemand auf die Bremse tritt. Oder dass wir kollektiv gegen die Wand fahren und dann gezwungen sind, in den Trümmern mal wieder richtig hinzuschauen. Nicht nur zu scannen, zu wischen, zu liken. Sondern zu sehen. Wirklich zu sehen.

Bis dahin sitze ich hier, das MacBook auf dem Bauch, und schreibe diese Zeilen. Für Sie. Für mich. Für niemanden. Hauptsache, es ist raus.

P.S. Mein Titelbild: Ein unabgeschlossenes Fahrrad vor dem Bäcker — wie aus einer anderen Zeit. So beruhigend, so entschleunigt. Als beim Shooting mein Blick durchs Fenster fiel, musste ich diese Szene festhalten.

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