Geschichten ohne Geschichte

Geschichten ohne Geschichte

Ich bin auf Social Media ein Geisterfahrer. Verbrachte dort nie viel Zeit, verstehe den Hype nicht wirklich. Bei Fotos anderer werde ich nur neidisch, fühle mich als Fotograf klein. Tun mir also nicht gut, die Plattformen.

Lesezeit: 2 Min.

Aber vor kurzem klicke ich auf eine Story von einem Model, mit dem ich gerne arbeite. Sie teilt eine andere Story. Darin: ein Video. Gemütliche Abendrunde in einem Apartment, sieht aus wie Paris. Am Tisch sitzen fünf, sechs Photo Models, drei kenne ich, dazu ein paar Fotografen. Fertig.

Moment. Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass das keine Story ist?

Hier fehlt der Kontext. Der Inhalt. Was sehe ich da? Wo bin ich? Was machen die Menschen dort? Wieso haben sie sich getroffen? Was verbindet sie? Und was passiert als nächstes? Nichts davon wird beantwortet. Ich starre auf bewegte Bilder und verstehe: nichts.

Eine Insta-Story ist in den seltensten Fällen wirklich eine Geschichte. Die meisten Menschen versäumen, zu erklären, worum es geht. Sie glauben offenbar, man würde alles über sie und ihr Leben bereits wissen. Oder sie ständig verfolgen. Machen das die anderen? Bin ich der einzige, der da durchklickt und sich fragt, ob er gerade eine Werbesendung für ein Möbelhaus oder eine private Dinnerparty sieht?

Dass Stories nach 24 Stunden verschwinden, macht es natürlich auch nicht leichter. Und jeder kommt sich wahrscheinlich doof dabei vor, immer wieder den Kontext zu liefern. Es ging vermutlich um einen Workshop in Paris. Aber so bewirbt diese Story gar nichts. Sie vermittelt für mich nur ein Gefühl von "ok, die leben noch", mehr nicht.

Wenn ich so etwas kritisiere, komme ich mir wie ein Depp vor. Einer, der das Medium nicht versteht. Der zu alt ist für die neue Kommunikation. Aber vielleicht fixt es mich auch einfach nicht an. Vielleicht bin ich tatsächlich von einem anderen Planeten, weil ich Geschichten schätze, die einen Anfang, eine Mitte und ein Ende haben. Die etwas erzählen, nicht nur zeigen.

Oder ich würde einfach lieber mit den Leuten dort am Tisch sitzen. Echte Gespräche führen, statt durchs Handy auf deren Gespräche zu schauen. Aber die sind seltener geworden, die echten Gespräche. Seit alle nur noch Sender sind, keine Empfänger mehr.

Vielleicht ist das mein Problem mit Social Media. Nicht die Plattformen selbst. Sondern dass sie aus Geschichten bloße Momentaufnahmen gemacht haben. Aus Erzählungen wurden Beweisfotos. "Ich war da" statt "Und dann ist Folgendes passiert".

Ich weiß nicht, ob man alles hinterfragen muss. Vielleicht denke ich zu viel über die Dinge nach. Aber wenn man nicht mehr versteht, was die anderen da draußen treiben, fühlt es sich irgendwie merkwürdig an.

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