Weil eine Fotografie unserem Bild der Realität nahe ist — was wir jeden Tag mit unseren Augen sehen — werden wir getäuscht. Wir glauben dem Foto und vertrauen dem, was wir darauf sehen. Dies geschieht unterbewusst und ganz von selbst. Bilder werden schnell im Gehirn gespeichert und hier müssen wir zugeben, erschreckenderweise, dass wir nicht wirklich über den Wahrheitsgehalt nachdenken.
Bei dokumentarischen Fotos wird dies sofort zum Problem. Allein die Wahl eines Bildausschnitts kann die Aussage massiv steuern. Aber die Frage stellt sich auch bei Fotografien wie denen, die ich mache.
Wie objektiv ist ein Foto?
Bilder sind wie Geschichten, die nicht mit Worten erzählt werden, sondern mit Farben und Formen.
Wahrnehmung ist immer eine Interpretation und somit abhängig vom Individuum des Betrachters. Es geht also nicht nur um die Erfahrung des Künstlers, sondern auch um die Erfahrung des Betrachters.
Daher muss es, um eine Fotografie zu verstehen, eine unsichtbare Verbindung zwischen dem Fotografen und dem Betrachter geben. Das Gute ist, dass diese Verbindung nicht bedeuten muss, dass der Betrachter zustimmt. Aber idealerweise sind die Empfindungen von Fotograf und Betrachter zumindest ähnlich.
Aber es ist nicht so sehr eine Frage des Verstehens, viel mehr eine Frage, ob eine Fotografie objektiv sein kann.
objektiv
/ɔpjɛkˈtiːf/
nicht von persönlichen Gefühlen oder Meinungen beeinflusst bei der Betrachtung und Darstellung von Fakten
Ich bin schließlich kein Philosoph.
Um es weniger abstrakt zu machen, gebe ich Ihnen ein Beispiel. Ich fotografierte einmal ein Model an einem Pool. Das weckte Erinnerungen an einen vergangenen Urlaub und die Frau sah einem Kindheitsschatz ähnlich, erzählte mir jemand. Aber jemand anderes erwähnte, dass ihn das Model an jemanden erinnere, den er in der Schule nie mochte und daher würde ihm mein Foto nie gefallen.
Zwei Menschen, aber zwei gegensätzliche Interpretationen über dasselbe Bild. Ich fand es erstaunlich und überraschend, weil ich nie so weit gedacht hatte.
Für mich war mein Foto das Erlebte und meine persönliche Erfahrung schien mir die einzig objektive in Bezug auf das Foto zu sein. Aber als ich darüber nachdachte, wurde mein Foto direkt zu einem subjektiven Werk, denn als Fotograf sah ich mehr als ich zeigte. Ich sah die Umgebung, dirigierte die Pose, wählte die Perspektive und den Bildausschnitt, wählte diese spezifische Fotografie aus Hunderten von Fotos, die ich gemacht hatte, und bearbeitete sogar die Farben in der Nachbearbeitung, bis sie meinen Gefühlen entsprachen.
So viel zur Objektivität.
Meine Schlussfolgerung
Es gibt keinen objektiven Weg, ein Bild zu betrachten. Ein Foto anzuschauen ist wie ein Buch zu lesen und zu versuchen zu interpretieren, was der Autor gemeint hat, oder einfach unterbewusst seine eigene Interpretation zu machen.
Jede Fotografie erzählt jedem von uns eine individuelle Geschichte. Die Geschichten mögen ähnlich sein, aber sie bleiben Interpretationen des Gesehenen.
Außerdem ist jedes Bild auch nur eine Momentaufnahme. Wie ein Standbild aus einem Film.