Jetzt sind sechs Monate vergangen, seit mein erster Flug storniert wurde. Monate später wurden alle meine Reisen abgesagt. Ich habe Deutschland nicht verlassen und während ich normalerweise durchschnittlich drei Shootings pro Monat habe, hat sich das für mich dramatisch verändert. Stand heute hatte ich nur drei Akt-Shootings in den letzten sechs Monaten.
Ich lebe von Ersparnissen. Aber ich will mich nicht beschweren. Ich lege immer etwas Geld zur Seite und gebe es nicht für Luxusgüter aus. Tatsächlich fließt das meiste meiner Einnahmen in neue Fotoprojekte. Was bedeutet, dass ich dieses Jahr nicht viel Geld ausgegeben habe. Aber ich habe einiges verloren durch Buchungen, die mir nicht zurückgezahlt wurden.
Meine Buchungen
Ein großes Lob an die SNCF! Die französische Eisenbahngesellschaft ist der einzige Anbieter, der die stornierte Reise nach Paris sofort zurückerstattet hat. AirBnB gab mir einen Gutschein für drei von vier Buchungen, was auch anständig ist. Ich kann das nicht in meinem Konto sehen, aber ich hoffe einfach, dass es stimmt und ich ihn bei meinen zukünftigen Buchungen verwenden kann.
Condor brauchte drei Monate und gab mir dann nur einen Gutschein, obwohl ich explizit um die Rückerstattung meines Geldes gebeten hatte. Und Ryanair deaktivierte einfach den Button auf ihrer Website, wo man eine Rückerstattung beantragen konnte. Nur der Gutschein-Button war anklickbar. Wer das kundenunfreundlich nennt, hat noch nichts von der deutschen Lufthansa gehört.
Sie stellten sich einfach tot. Es war für mich unmöglich, jemanden telefonisch zu erreichen. Die Website hatte auch nur deaktivierte Funktionen. Und sie antworteten nicht auf E-Mails. Nach vier Monaten schickten sie mir einen Gutschein in einer E-Mail mit chinesischen Schriftzeichen. Der Wert des Gutscheins steht nirgendwo geschrieben, aber ich vermute, es ist nur der Gutschein für das Zusatzgepäck, das ich gebucht hatte.
Nur ein Flug von fünf Flugbuchungen wurde von der Lufthansa zurückgezahlt. Für einen weiteren erhielt ich erst letzte Woche einen Gutschein und sechs Monate später haben sie meine Buchungshistorie gelöscht und es scheint, als würde ich für die ausstehenden drei Buchungen bei ihnen keine Gutscheine bekommen. Verstößt das gegen das Gesetz? Manche sagen ja, manche sagen nein. Ich habe einfach nicht die Kraft, mir einen Anwalt zu nehmen und für meine Rechte zu kämpfen. Eines ist sicher: Ich habe mein Vertrauen in die Lufthansa verloren. Ihr Verhalten und ihre Art der Kommunikation während der Pandemie haben mich sehr enttäuscht. Unter allen Anbietern, mit denen ich zu tun hatte, rangiert die Lufthansa leider ganz unten auf der Skala.
Geld hat in meinem Leben nie die wichtigste Rolle gespielt. Ich brauche es, um meine Miete, Krankenversicherung und Lebensmittel zu bezahlen, aber abgesehen davon ist Kunst das, was mich bewegt. Also will ich nicht auf all die negativen Dinge schauen, zu denen Corona geführt hat. Mich auf die Zukunft zu konzentrieren ist für mich derzeit allerdings unmöglich. Ich habe im Moment keine Perspektive und weiß nicht, wann die aktuelle Situation vorbei sein wird und wann das Leben wieder normal wird.
Ich kann keine Reisen im Voraus buchen, weil mit einem Fingerschnippen überall ein weiterer Lockdown passieren könnte. Alles ist sehr unsicher und jetzt, wo der Sommer in Deutschland vorbei ist, habe ich nicht mehr viele Möglichkeiten, hier zu fotografieren. Ich versuche, den Kopf hochzuhalten und mich selbst zu motivieren, dass im Frühjahr 2021 die Dinge anders aussehen könnten. Aber im Moment weiß ich es einfach nicht.
Das einzig Positive für mich ist, dass die meisten Fotografen (und tatsächlich auch viele Menschen mit anderen Jobs) in einer ähnlichen Situation sind. Ich bin nicht der Einzige, der von dieser Krise betroffen ist.
Aber ich bin ein Arbeitstier und nicht arbeiten zu können lässt mich sehr schlecht fühlen. Und so seltsam das klingt: keinen vollen Terminkalender zu haben und keine Perspektive zu haben macht mich auch sehr unmotiviert. Ich hätte die Zeit, zum Beispiel an Stillleben-Fotografie zu arbeiten. Aber ich fühle mich irgendwie gelähmt. Keine Sorge, ich werde meinen Hintern wieder hochkriegen, aber die ganze Situation fühlt sich gerade einfach sehr schwierig an.
Normalerweise leben meine Frau und ich etwa zwei Monate im Jahr unser eigenes Leben, wenn man alle Tage zusammenzählt, an denen ich im Ausland für Shootings bin. 2020 ist das anders. Ich hatte nicht eine einzige Nacht irgendwo allein, ohne sie. Gleiches gilt für sie. Für uns beide fühlt sich das unausgeglichen an. Wir beide tanken Energie, wenn wir von Zeit zu Zeit allein sind. Und das funktioniert offensichtlich nicht, wenn man 24/7 zusammen ist.
Was ich aus 2020 gelernt habe, ist die Bedeutung von Freiheit. Freiheit ist wahrscheinlich der wichtigste Wert im Leben — zumindest für mich.