Der erste Blick in seine Altbauwohnung fällt auf freigelegtes Fachwerk, dunkle Balken, warmes Licht. Der zweite auf Katya Clover, die mir barbusig vom Kochfeld entgegenlächelt. Ein klassischer Soell, mitten in der Küche, so vertraut wie andere Leute ihre Familienfotos aufstellen.
Eine kleine Treppe hinauf und wir stehen in Deutschlands kleinstem Fotostudio
, wie er selbst lachend kommentiert. Ein Märchenbett, das die Models lieben, gerade genug Platz für Ganzkörper mit 75mm Brennweite.
Techtalk sei furchtbar
, sagt er gleich zu Beginn und das trifft sich gut, denn das hatte ich ohnehin nicht vor. Stattdessen erzählt er von seinen Anfängen: Aufgewachsen in einem Fischerdorf bei Friedrichshafen, mit fünfzehn im Freundeskreis auf die Foto-Love-Storys der Bravo gestoßen — prompt stellt er eine Tarzan-Geschichte mit Freundinnen in der Natur nach. Nie veröffentlicht, aber der Funke sprang über.
Die Kamera lieh er sich vom Vater aus, der schon in den Sechzigern Farbabzüge im eigenen Labor machte, wobei der junge Stefan fleißig zusah und lernte. In der Foto-AG ging es weiter und er war so angefixt, dass er bis morgens um drei Uhr Abzüge machte. Bald kaufte er auf dem berühmten Fotoflohmarkt Lichtensteig in der Schweiz seine eigenen Fotoapparate. Erst Kleinbild, später Mittelformat mit manuellem Fokus.
Ein Viertel meines Lebens habe ich in der Dunkelkammer verbracht.
Wer schon einmal für 24 Bilder Chemikalien anmischen, wässern, fixieren und wieder entwässern musste, weiß, wie aufwändig das ist. Der Wechsel zu Digital sei eine Befreiung aus dem Kerker
gewesen, plötzlich konnte er Fotos noch am selben Tag sehen. Analog bedeutete für ihn Schwarzweiß, mit Digital kam von heute auf morgen die Farbe in seine Bilder. Man würde erwarten, dass so einer die alten Zeiten romantisiert. Tut er nicht, er ist zu praktisch dafür.
Als ich ihn nach Vorbildern aus der Fotografenszene frage, verneint er. Seine Inspiration kommt aus dem Leben. In seiner Kindheit durfte er nur sehr wenig Fernsehen gucken und so hinterließen tschechische Märchenfilme tiefe Eindrücke. Vielleicht zieht er daraus heute noch seine Inspiration. Wenn er beim Antiquitäten-Händler vorbei kommt oder auf einem Flohmarkt ein Requisit findet, fängt es bei ihm direkt an zu rattern.
Wenn Stefan über seine Arbeitsweise spricht, wird sofort klar, wie geduldig er plant. Bei sich in der Nähe, am Bodensee und in den Voralpen, geht er die Locations zu unterschiedlichen Jahres- und Tageszeiten ab, einen Wasserfall besucht er dreimal, viermal, bevor er weiß, wie das Licht dort wirklich fällt.
Erst kommt die Location, dann die Idee mit passender Requisite und ganz am Ende das Model, das in diese Szene gehört. Zum Beispiel: Wasserfall, Fackel, dazu das richtige Model.
Auf Lanzarote kommt es vor, dass er den ganzen Tag in der Finca sitzt und wartet, bis ab siebzehn Uhr der Nordwestwind die Wolkenbänder bringt und die Sonne allmählich verschleiert. Erst dann geht es raus. Nur natürliches Licht, nie in direkter Sonne, immer Zwielicht.
Oder ein von der Sonne beleuchteter Berg, der zurückstrahlt. Warmes Licht, sagt er, bei dem er wegschmelzen könnte
. Wenn das Licht nicht stimmt, fotografiert er gar nicht. Klingt kompromisslos, ist aber wirklich so.
Mit Gabriella ist er auf den Säntis in den Schweizer Alpen gestiegen, sie haben in der Berghütte übernachtet, nachdem er sie nach Sonnenuntergang fotografiert hatte. Denn Absteigen am gleichen Tag, das geht nicht mehr. Stefan lacht, als er mir erzählt, dass Gabriella wahrscheinlich die einzige Bergsteigerin war, die jemals einen Föhn und Lockenstab im Rucksack hatte.
Seine Models fotografiert er nicht wie sie sind, sondern wie sie in seinem Kopf existieren. Er modelliert sie, sagt er. Dazu bekommen seine Models vorab ein Briefing, eine Beschreibung, was er sich vorstellt. Beim Posing haben sie Spielraum, die Story mit den Emotionen gibt er aber vor, zum Beispiel Hände inspiriert von Fresken und Kirchenbildern, Fokus auf Kinn und Augen.
Requisiten dienen als Fantasieauslöser, selbstgebaute Flügel etwa, damit das Model mit etwas interagieren kann. Das Shooting müsse für beide Seiten Erfüllung bringen und das Model müsse begeistert sein, sonst funktioniere gar nichts. Nie negative Bilder, immer eine positive Aura. Er sucht die gute Welt, sagt er und das spürt man in seinen Werken.
Beim Thema Retusche ist er entspannt, weil es für ihn ganz logisch zu seiner Vision gehört. Die Brüste größer, aber nur um fünfzehn Prozent. Die Beleuchtung wählt er so, dass sie ohnehin voller wirken, und in der Nachbearbeitung verstärkt er die Schatten darunter leicht. Dazu müssen seine Models leider manchmal frieren, damit der Warzenhof klein und die Nippel steif werden. Selbstkritisch räumt er ein, dass sich diese perfekten Brüste in seinen Bildern manchmal vielleicht zu sehr in der Form ähneln.
Stefan polarisiert damit gelegentlich, das weiß er, aber er will produzieren, was dem Publikum gefällt und die Models kennen ja ohnehin seinen Stil. Viele Betrachter erkennen jedoch gar nicht, dass hier etwas nachgeholfen wurde und das sei das eigentliche Qualitätsmerkmal einer guten Retusche.
Auf Social Media hatte er bereits 23.000 Follower, als er ohne Vorwarnung gelöscht wurde. Seither hat er keine Lust mehr darauf, was ich bewundernswert finde. Models findet er heute über den eigenen Ruf. Frag mal das andere Model, wie das Shooting mit mir war.
Dass viele Frauen seine Bücher kaufen, zählt für den Sechzigjährigen besonders. Vielleicht fühlen sie seine verträumten, romantischen Bilder direkt. Oder es liegt daran, dass es in seinen Fotos immer Gesichter gibt, keine Torso-Fotografie.
Als ich später am Bodensee Ufer entlanggehe, bevor ich zurückfahre, hängt mir unser Gespräch noch nach. Es war interessant, mit ihm über unsere gemeinsame Leidenschaft zu sprechen, offener, als ich erwartet hatte. Stefan und ich liegen in vielem auf einer ähnlichen Wellenlänge, was die Freude betrifft, aber genauso, was das Leiden angeht, das uns antreibt und manchmal auch zermürbt. Der Wahl-Überlinger redet viel und ist dabei einfühlsam und sympathisch, hört gut zu. Man fühlt sich sofort wohl bei ihm und so ist es ein bisschen schade, dass ich ihn nicht noch mehr gefragt habe. Zu Themen wie KI-Entwicklungen und der Zukunft oder den Trend, dass sich immer mehr Modelle tätowieren lassen, was in seiner reinen Bildwelt gar nicht vorkommt. Ich merke schon, wir müssen uns einmal wieder treffen.
Transparenz
Ich habe das Buch aus eigener Überzeugung empfohlen. Für diese Erwähnung habe ich weder Geld noch eine andere Gegenleistung erhalten.
