Nausicaa Yami

Nausicaa Yami

Es gibt diese Menschen, die irgendwann aufwachen und merken: Das hier ist nicht mein Leben. Bei Nausicaa Yami passierte das ausgerechnet während einer globalen Pandemie, als die Welt stillstand und sie plötzlich Zeit hatte nachzudenken. Acht Jahre lang hatte sie als Pastry Chef gearbeitet. Kuchendesignerin — ein ordentlicher Beruf, würden die Eltern sagen. Nur dass ein Lockdown dieses Kapitel schloss.

Lesezeit: 4 Min.

Die Toskana, ihre Heimat, beschreibt sie mit einer Mischung aus Liebe und Frustration: "Wunderschön für den Urlaub, aber schlecht, um dort zu leben." Die niedrigen Löhne, die fehlenden Aufstiegschancen — mit 24 packte sie ihre Sachen und folgte ihrer Schwester nach London. Dort dekorierte sie weiter Torten, während in ihr eine ganz andere Sehnsucht wuchs.

Die Geschichte könnte hier zu Ende sein, eine von Millionen. Aber dann kam Corona, und mit dem erzwungenen Stillstand die große Frage: Was macht mich eigentlich glücklich? Die Antwort lag in alten Selbstporträts aus Teenagertagen, inspiriert von griechischen Statuen und klassischen Gemälden. Schon mit 18 hatte sie nebenbei gemodelt, erst Cosplay, dann ohne Kostüme. "Ich hätte nie gedacht, dass sowas eine Karriere werden könnte", erzählt sie mir in Fuerteventura, wo wir uns nach unserer ersten Begegnung 2023 in Rom wiedertreffen.

Der Sprung ins kalte Wasser des Vollzeit-Akt-Modelns war nicht ohne Hindernisse. Die konservativen Eltern waren besorgt — was, wenn ein zukünftiger Arbeitgeber davon erfährt? Nacktfotografie? Geduldig erklärte Nausicaa den Unterschied zwischen Kunst und Pornografie, zeigte kontrollierte, ästhetische Arbeiten. Es flossen Tränen. Nausicaa stellte ihren Eltern Fotografen vor und als sie diese persönlich kennenlernten, verloren sie ihre Skepsis. Heute sind die Eltern stolz.

Nausicaa Yami

Was mich beeindruckt: Diese Frau ist keine träumerische Bohemienne, sondern eine durchorganisierte Künstlerin. Das merkte ich schon bei unserer ersten Kommunikation. Sie ist zielstrebig und wählt genau aus, mit wem sie arbeiten möchte. Sie will wissen, was sie erwartet und welche Art von Bildern entstehen sollen.

Als ich sie nach ihren Traum-Locations fragte, musste sie kurz innehalten. So viel war sie schon unterwegs. Wochenlang in den USA, Mexiko und Kanada. Aber ihre Lieblingsorte sind: Lanzarote für die magische Energie, Bali für die friedvolle Stimmung. Und dann London als Basis für drei Tage, bevor es wieder losgeht.

Den Job des Models vergleicht sie mit dem einer Athletin. Sie achtet auf ihre Ernährung. Dabei ist ihr ein ordentliches Frühstück wichtig. Um dann den Tag über zu performen und nach getaner Arbeit wieder zu essen, quasi aufzutanken.

Beim Shooting
Behind the Scenes

Mir war nicht bewusst, wie es sich als Model anfühlt. Für Profis zu posieren sei so viel einfacher, sagt sie. Bei Amateuren müsse sie als Model den Fotografen führen, ihm helfen, gute Bilder zu bekommen. Eine umgekehrte Mentorschaft sozusagen.

Ich kann gut mit mir alleine sein. Aber das Spannendste an der Fotografie ist, dass ich immer wieder neuen Menschen begegne.

Nausicaa Yami

2023 war ein unglaublich arbeitsreiches Jahr für sie — voller bezahlter Aufträge, was natürlich bedeutete, mit vielen verschiedenen Fotografen unterschiedlicher Erfahrungsstufen zu arbeiten. Sie war schon immer wählerisch bei Kollaborationen, wählte diese, um ihre Fähigkeiten zu erweitern und von talentierten Fotografen zu lernen, während sie persönliche Projekte entwickelte. Nach diesem intensiven Jahr traf sie die bewusste Entscheidung, noch selektiver zu sein und sich hauptsächlich auf erfahrene Fotografen und bedeutsamen künstlerischen Austausch zu konzentrieren. Ihr Patreon-Account gibt ihr nicht nur finanzielle Freiheit, sondern auch eine Community, die ihre Arbeit wertschätzt. "Es gibt mir einen Zweck weiterzumachen", sagt sie, und man spürt, dass es um mehr geht als nur ums Geldverdienen.

Die sozialen Medien sieht sie pragmatisch: Man muss sich an die Regeln halten, auch wenn sie manchmal absurd sind. "Meta ist einfach zu groß, um sich dagegen aufzulehnen", lacht sie trocken. Für Patreon braucht sie die Nacktheit, für Instagram die Zensur.

Ihren Namen verdankt sie übrigens Homers Odyssee, dem griechischen Epos, das sie in der Schule las. Passt zu einer Frau, die zwischen Welten wandelt: zwischen Kunst und Kommerz, zwischen Kontrolle und Freiheit, zwischen Schwarz-Weiß ("gut für Emotionen") und Farbe ("mag ich auch").

2026 will sie ihre Vollzeit-Modelkarriere beenden. Nicht abrupt, sondern als Übergang in etwas Neues. "Ich will nicht komplett aufhören", sagt sie, "aber in eine andere Richtung gehen." Was das sein wird, weiß sie noch nicht. Aber wenn ich eines über Nausicaa Yami gelernt habe, dann dies: Wenn sie sich entscheidet, wird es durchdacht, mutig und wahrscheinlich überraschend sein. Ihren Patreon-Account möchte sie aber auf jeden Fall weiter pflegen.

Beim Shooting
Behind the Scenes

Für mein Fotobuch Mellow ist sie das Cover-Model — eine Wahl, die sich beim Schreiben dieser Zeilen noch richtiger anfühlt. Sie verkörpert genau diese Mischung aus Professionalität und künstlerischer Freiheit, die gute Aktfotografie ausmacht. Keine posierende Puppe, sondern eine Künstlerin, die mit dem Fotografen zusammen etwas erschafft. "Erfüllung durch gemeinsames Kreieren", nennt sie das.

Ich nenne es: den Mut, sein Leben umzukrempeln, wenn die Torte nicht mehr schmeckt.

Interview
Vielen Dank für das interessante Gespräch, Nausicaa!

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