Gut ein Jahr nach seinem Debüt-Bildband „On Every New Day“ liegt also „In Between“ vor mir. Größer, schwerer, selbstbewusster. 256 Seiten Hardcover, 24 mal 30 Zentimeter, mit Leseband. Während gefühlt die halbe Branche ihre Bildbände auf DIN A5 schrumpft, hat Thomas in die andere Richtung gedacht. Tolle Fotos verdienen ein Format, das ihnen gerecht wird. So einfach ist das manchmal.
Besonders macht dieses Buch die Auflage: 150 Exemplare. Nicht als Marketing-Gag, sondern als bewusste Entscheidung. Der Digitaldruck macht es möglich, der dem Offset inzwischen in nichts mehr nachsteht. Starkes Papier, sauberer Druck. Thomas, selbst Besitzer einer beachtlichen Fotobuch-Sammlung mit einigen Raritäten, die längst nicht mehr im Handel sind, weiß um den Wert der Knappheit. Ein Buch, das es nur 150 Mal gibt, nimmt man anders in die Hand als eines, das in jedem Regal steht.
36 Protagonistinnen finden sich in „In Between“. Die Bilder sind nicht nach Models sortiert, es ist keine Best-of-Sammlung (bei dem Wort rümpft Thomas fast schon die Nase), sondern eine Komposition nach Stimmung. Visuell harmonische Bildpaare wechseln sich ab mit kontrastierenden Doppelseiten, unterbrochen von stillen Momenten, die einen durchatmen lassen. Dazwischen florale Stillleben, Blumen als subtiler Kommentar zur Vergänglichkeit. Und dann, als Ruhepause fürs Auge: schwarze Seiten mit Polaroids in Originalgröße. Bei einem Buch dieser Länge eine kluge Entscheidung.
Was bedeutet „In Between“? Es ist ein Zwischenraum, erklärt Thomas, in der weitesten Definition. Zeit, Stimmung, Thema. Seine Shootings beginnen inszeniert und gleiten mit der Zeit in etwas Unkontrollierteres, Authentischeres. Genau diesen Übergang fängt das Buch ein.
Die Mischung aus Schwarz-Weiß und Farbe ist ungefähr halb und halb. Schwarz-Weiß, wenn Form und Ausdruck stärker sind als das, was Farbe hervorrufen könnte. Farbe, wenn sie die Stimmung besser trägt. Thomas fotografiert manchmal von vornherein monochrom, weil er weiß, dass Charakter in Schwarz-Weiß stärker wirkt, Atmosphäre dagegen in Farbe. Mit den Jahren, sagt er, sei er lockerer geworden. Experimentierfreudiger. Er belichtet bewusst über oder unter, baut absichtlich kleine Störer in seine Bilder ein, damit nichts steril wirkt. In manchen asiatischen Tempeln, erzählt er, wird bewusst eine Säule leicht schief gesetzt, um zu zeigen, dass Perfektion unmenschlich ist. Es ist eine seiner Macken. Kaum sichtbar, aber da.
Was „In Between“ als Bildband für mich auszeichnet: Thomas trennt nicht zwischen bekleideten und unbekleideten Aufnahmen. Nacktheit ist kein Sortierungskriterium. Es gibt keine sexualisierten Posen, nicht weil Sexualität etwas Schlechtes wäre, sondern weil sie nicht Gegenstand dieses Buches ist. Die Würde einer Person hängt nicht von Kleidung ab, sondern davon, wie wertschätzend sie abgebildet wurde. Das klingt einfach. Ist es aber nicht.
Thomas hätte das Buch mit einem Verlag machen können. Der einzige Vorteil wäre gewesen, sagt er mit trockenem Lächeln, abends nicht zur DHL-Packstation gehen zu müssen. Da überwog dann doch der Freiheitsgedanke. Keine Regeln, keine Rechtfertigung, volle Kontrolle über Gestaltung und Umsetzung. 150 Exemplare geben einem diese Freiheit.
Ich wollte eigentlich nur 90 Minuten mit Thomas über das Buch sprechen. Es sind dann über drei Stunden geworden. Thomas ist jemand, der tief in der Fotografen-Szene verwurzelt ist, der vergangene wie zeitgenössische Künstler kennt und den Austausch liebt. Man verliert im Gespräch mit ihm die Zeit. Das rote Leseband in „In Between“ ist übrigens kein Zufall. Thomas wünscht sich, dass man das Buch wieder in die Hand nimmt. Dass man blättert, entdeckt, zurückblättert. Seine Bilder sind unvorhersehbar, man weiß nie, was auf der nächsten Seite kommt. Durch die Kuration sei ihm klar geworden, dass er nicht nur einen Stil hat, sondern abwechslungsreich arbeitet.
Ein gutes Fotobuch sollte man auf sich wirken lassen und versuchen, hinter die Bilder zu schauen.
Das sagt Thomas. Ich sage: 150 Exemplare sind nicht viel. Nutzen Sie den Augenblick:
