Ich gebe zu: Ich bin darauf reingefallen. Nicht weil ich dachte, ich könnte damit meine Shootings planen, sondern weil es einfach cool klang. Eine Uhr, die Ebbe und Flut vorhersagt! Wie praktisch für jemanden, der regelmäßig in El Cotillo fotografiert und dabei sehr genau wissen muss, ob das Lagunenbecken zwischen den Lavafelsen mit Wasser gefüllt ist oder das Meer alles verschluckt hat. Aber dann, beim Blick auf diese kleine Anzeige, kam mir eine Frage in den Kopf, die ich mir als Fotograf eigentlich schon längst hätte stellen sollen: Ich habe eigentlich keine Ahnung, wie das wirklich funktioniert.
Klar, ich plane meine Shootings schon lange mit ordentlichen Gezeitentabellen. Auch wenn das Model nicht ins Wasser geht, muss ich trotzdem wissen, ob das Wasser kommt oder geht und wie es vor Ort aussehen wird. Manchmal fehlt der Sand scheinbar völlig, weil der Wasserstand höher ist. Aber warum eigentlich? Diese Folge der "Sendung mit der Maus" habe ich wohl verpasst.
Der Strand, den es nicht gab
Die Lektion, dass Gezeiten keine theoretische Spielerei sind, lernte ich auf die harte Tour. Bei einer meiner Fuerteventura-Reisen fuhr ich bis ganz in den Süden nach La Pared. Fast zwei Stunden Autofahrt, das Model im Gepäck, die Bilder vom breiten Sandstrand schon im Kopf. Dieser endlose, goldene Sand vor dramatischer Steilküste. Perfekt.
Als wir ankamen, gab es keinen Strand. Nur Steilküste und Wasser, das direkt gegen die Felsen schlug. Die verfluchte Flut hatte ich nicht einkalkuliert. Wir standen da, schauten aufs Meer und uns dann gegenseitig an. Knapp vier Stunden Autofahrt hin und zurück, umsonst.
Die Wissenschaft hinter dem Wasser
Also habe ich recherchiert. Nach zwei Stunden im Kaninchenbau der Gezeitenforschung stellte ich fest: Gezeiten sind deutlich komplizierter, als meine kleine Casio suggeriert. Gezeiten entstehen zwar hauptsächlich durch Mond und Sonne, aber eine einfache Mondphasen-Anzeige ist etwa so präzise wie ein Dartpfeil bei Windstärke acht.
Die Gravitationskraft des Mondes variiert nicht nur mit seinen Phasen, sondern auch mit seiner Entfernung zur Erde. Mal ist er uns 356.000 Kilometer nah, mal 407.000 Kilometer fern. Das macht einen gewaltigen Unterschied. Dazu kommt die Sonne mit ihrer eigenen gravitativen Choreografie, und beide kreisen in elliptischen Bahnen, die sich logischerweise ständig verändern.
Auf Fuerteventura wird es noch komplizierter. Die Insel liegt zwar im offenen Atlantik, aber die Nähe zur afrikanischen Küste, die Unterwassertopografie der Kanaren und sogar die Passatwinde beeinflussen, wie sich die Tidenwellen ausbreiten. Der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser schwankt zwischen 1,5 und 3,5 Metern – je nachdem, ob gerade Nipp- oder Springtide herrscht.
Für die offiziellen Gezeitentabellen messen Küstenstationen seit über einem Jahrhundert kontinuierlich die Wasserstände. Diese Daten werden durch harmonische Analyse in über 60 verschiedene periodische Schwingungen zerlegt, jede mit ihrer eigenen Amplitude und Phase. Das Ergebnis: Vorhersagen, die auf wenige Zentimeter und Minuten genau sind.
Meine 39-Euro-Uhr dagegen? Die berücksichtigt nur die Mondphase.
Die Moral von der Geschichte
Seitdem weiß ich: Wenn ich das nächste Mal in El Cotillo stehe und überlege, ob das Wasser in einer Stunde höher oder niedriger stehen wird, schaue ich auf meine Uhr. Aber, wenn ich es mal genauer brauche, geht es nicht ohne Gezeitentabelle.
Geheimagenten tragen wahrscheinlich auch keine 39-Euro-Uhren.
