Zeichen unserer Zeit

Zeichen unserer Zeit

Jede Ära bringt einen bestimmten Zeitgeist mit sich. Die 70er wurden vom Geist der Hippie-Bewegung geprägt. Love, Peace and Happiness. In den 80ern machten Computer ihre ersten Auftritte im Alltag und in der Musik, und der Wirtschaftsboom prägte ein Jahrzehnt. Und wo stehen wir heute?

Lesezeit: 4 Min.

Für mich ist der aktuelle Zeitgeist vor allem durch eines geprägt: Verwirrung. Wir sind eigentlich eine sehr aufgeklärte Gesellschaft. Wir wissen fast alles über biologische Prozesse in Ernährung, Medizin und Sexualität. Und doch wird Deutschland in den letzten Jahren immer spießiger und verkrampfter.

Wir leben in Zeiten der Verwirrung.

Weibliche Nacktheit ist wieder zum Tabuthema geworden. Gleichzeitig tragen viele Frauen keine BHs mehr. Indem sie ihre BHs ablegen, wollen sie Männern auf Augenhöhe begegnen. Auch das verwirrt mich.

Die prüde Mentalität des amerikanischen Konzerns Meta (Facebook, Instagram, Whatsapp) hat sich über Social Media nach mehr als einem Jahrzehnt subtil in den Köpfen der Menschen zementiert. Brustwarzen sind wieder verboten und müssen zensiert werden. Dennoch lümmeln viele Mädchen in knappen Klamotten und manchmal obszönen Posen auf Instagram herum und buhlen um Likes.

Zensur ist allerdings wieder ein großes Thema geworden. Leider passiert es regelmäßig, dass Googles Gmail E-Mails, die ich an Kunden schreibe, in deren Spam-Ordner schiebt. Nur weil Wörter wie "Playboy" oder "Nudes" in der E-Mail vorkommen (das sind Geschäftsbegriffe in meinem Job).

Obwohl wir in einer freien Demokratie leben, scheinen Meinungen manchmal nur frei zu sein, solange sie dem Mainstream entsprechen. Und wer Kritik äußert, wird schnell als Schwurbler gesehen (oder alternativ als alter weißer Mann). Ein Teufelskreis.

Eine neue Prüderie

In unserer Gesellschaft kann man auch einen Rückzug auf sehr konservative sexuelle Vorstellungen beobachten, eine neue Prüderie. Es gibt jetzt eine subtil von oben diktierte Moral, die eigentlich ein Widerspruch für eine freie und selbstbestimmte Gesellschaft ist.

Die Gefahr einer prüden Gesellschaft ist der Verlust von Lebendigkeit, und sie geht meist mit einer depressiven Stimmung einher.

Mag. Astrid Pfneisl, Sexualtherapeutin

Manchmal wünsche ich mir die 80er zurück. Ein Jahrzehnt ohne Handys, ohne ständige Erreichbarkeit und — ich romantisiere das sicherlich etwas zu sehr — eine sehr freie Zeit. Aber nicht alles war damals besser. Ich möchte definitiv keine Rückkehr der unnötig männlich dominierten Gesellschaft und dummer Rollenbilder, die ebenfalls die 1980er Jahre definieren.

Aber auch das heutige Gegenstück der woken Gesellschaft geht mir manchmal auf die Nerven. In unserer Demokratie entscheidet nicht mehr die Mehrheit, sondern diejenigen, die am lautesten schreien.

Hier vermisse ich Toleranz, besonders von den Menschen, die für sich beanspruchen, die neuen Werte zu bestimmen.

Wenn zum Beispiel weißen Menschen vorgeworfen wird, Dreadlocks zu tragen, ist das meiner Meinung nach definitiv einen Schritt zu weit gegangen. Cultural appropriation ist ein Vorwurf, den ich geradezu lächerlich finde.

Auch Gendersprache ergibt für mich nicht automatisch Sinn, sie wirft viele Fragen auf und ist nicht durchgehend eine Bereicherung für unsere Kultur.

Nur um Missverständnisse zu vermeiden: Ich bin für Gleichberechtigung!

Aber wenn neue Geschlechterregeln bedeuten, dass ein Mensch sich z.B. als Katze identifizieren kann — sorry! — dann verstehe ich den Witz nicht mehr, muss ich zugeben.

Was hat das alles mit Fotografie zu tun?


Leider eine Menge. Denn als Teil der Gesellschaft beobachte ich sehr genau, wie sich die Art und Weise, wie wir zusammenleben, verändert.

Für mich ist es notwendig, den Zeitgeist zu verstehen und zu sehen, was visuell kommerziell funktioniert und was überholt ist.

Ich bekomme auch ein klares Gespür für die gegenwärtige Stimmung unserer Gesellschaft in Gesprächen über meine Arbeit.

Ich kenne die Oberflächlichkeit und die schnelle Etikettierung, geradezu Schubladisierung nur zu gut. Urteile werden über Aktfotografie gefällt, ohne sich überhaupt mit dem Genre auseinanderzusetzen.

Zum Beispiel haben Leute eine Meinung über Playboy und äußern sie lautstark, obwohl sie noch nie tatsächlich durch das Magazin geblättert haben.

Es ärgert mich besonders, wenn meine Arbeit beiläufig als Wichsvorlagen bezeichnet wird. Und ich werde oft abgestempelt und spüre Vorurteile gegenüber meiner Arbeit (selbst im Jahr 2022).

Dabei würde ich mich sogar selbst als Feminist bezeichnen (aber offensichtlich anders als die radikalen).

Und um das Ganze noch schlimmer zu machen, handeln die Menschen oft in vorauseilendem Gehorsam. Mehr als einmal wurde mir keine Erlaubnis erteilt, z.B. in einer Event-Location zu fotografieren. Was sollen andere Kunden denken, wenn am selben Ort Akte entstanden sind?

Und das ist noch nicht alles: Auch ist es sehr schwierig geworden, Models zu finden, die bereit sind, sich Zeit zu nehmen, um Fotogeschichten jenseits von Social Media zu erstellen. Engagement und Hingabe haben leider in unserer heutigen Zeit stark abgenommen.

Frauen auf der Straße anzusprechen, die ich für meine Arbeiten potenziell geeignet finde, ist ebenfalls unmöglich geworden, da selbst einer Frau ein Kompliment für ihr Aussehen zu machen heute als Cat Calling bezeichnet wird. Andere sich schlecht benehmende Männer (und kriminelle Männer) sind natürlich für diese Entwicklung verantwortlich. Dennoch ist es eine Veränderung in unserer Gesellschaft, die Einfluss auf mich als Aktfotografen hatte.

Ist das die freie Gesellschaft, in der wir leben wollen? Leben und leben lassen galt einst als Credo.

Nehmt's leicht

Aus meinen Beobachtungen kann ich sagen, dass die ältere Generation am coolsten ist. Cooler als die jungen Leute. Wenn ich mit alten Menschen spreche (und das schließt ältere Frauen ein), sind sie meistens überhaupt nicht verkrampft, sie nehmen alles leichter und entspannter. Bitte, liebe Twens und Dreißigjährige, nehmt euch ein Beispiel an den coolen alten Leuten!

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